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Fraktur : Wir sind Fraktur!

]Wappentier Hase: Keine Verbindung zu Hitler Bild: Wilhelm Busch

Und wer hat sie verraten? Sächsische Bürokraten!

          2 Min.

          Eigentlich wollten wir aus gegebenem Anlass die sprachlichen und politischen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich beleuchten, aber auch die Gemeinsamkeiten. Unsere Nachbarn zogen, obwohl sie Hitlers erste Opfer waren, schließlich ähnliche Konsequenzen aus dem Nationalsozialismus wie wir und gründeten ebenfalls eine Bundesrepublik mit einem Bundespräsidenten und einem Bundeskanzler. Böse Zungen behaupten, das sei geschehen, um die Wiedervereinigung zu erleichtern. Doch das ist natürlich Blödsinn. Erstens kann in Österreich, anders als bei uns, alle paar Jahre ein Anderer Bundeskanzler werden. Der wird dann zweitens nicht vereidigt, sondern „angelobt“. Drittens schwört er dabei, die Gesetze seines Landes nur zu „beobachten“.

          Das sollte bei uns mal Frau Merkel sagen, dann wäre doch der Gauland los! In Österreich regte man sich dagegen nicht einmal über einen Skandal auf, der auch in Deutschland unbeachtet blieb, weil uns der Sinn für das Wesentliche fehlt: Der österreichische Bundespräsident verzichtete bei der Angelobung der neuen Regierung glatt auf die Nennung von Titeln und akademischen Graden – es war ihm „zu umständlich“. Ja, bist du deppert! Keine Titel! In Österreich! Wo der Mensch erst beim Magister anfängt! Das haben die Österreicher nun davon, dass sie einen Grünen zum Staatsoberhaupt wählten.

          Übrigens, liebe Nachbarn: Wenn ihr schon eure Leitkultur über Bord werft, denkt auch mal über diese Tapetentür im Maria-Theresia-Zimmer nach. Die Hofburg hat doch Portale, die nicht einmal Albert Speer toppen konnte – und dann schickt euer Protokoll eure höchsten Würdenträger durch ein Türl, als kämen sie gerade vom Häusl.

          Also wie gesagt, das alles wäre unser Thema gewesen – wenn sich nicht in unseren Grenzen (von 1990) etwas ereignet hätte, neben dem dieser Aufreger aus Wien so schlapp aussieht wie Palatschinken von letzter Woche: In Sachsen gab es einen Angriff auf die Namensgeberin dieser Kolumne, der alles in den Schatten stellte, was man schon aus diesem Freistaat hörte. Dieser Anschlag musste uns natürlich auf die Barrikaden treiben. Wir sind Fraktur!

          Doch der Reihe nach: Die sächsische Polizei hatte stolz ein gepanzertes Anti-Terror-Fahrzeug präsentiert, dessen Sitze mit einem gekrönten Wappen und zwei Löwen bestickt waren. Komplettiert wurde das schon seit 1991 genutzte Logo durch die Worte „Sachsen“ und „Spezialeinsatzkommando“, die, jetzt kommt’s, in einer gebrochenen Schrift geschrieben waren. Und schon erhob sich ein Sitz-Stürmchen im Internet: Nazi-Symbolik! Ein Apparatschik der Linkspartei sprach von einem „erneuten Fehltritt nach rechts“.

          Da sieht man wieder einmal, dass Dummheit nicht vor Unwissenheit schützt. Denn die gebrochenen Schriften gehören nun wirklich zu den Opfern Hitlers. Auf dessen Geheiß hin wurden 1941 die „Schwabacher Judenlettern“ für unerwünscht, die bis heute benutzte Antiqua aber zur Normalschrift erklärt. Die unterworfenen Völker im Osten sollten die Befehle der Herrenmenschen lesen können.

          Die sächsische Polizei sprang der verleumdeten Fraktur denn auch gleich zur Seite: Es sei unzulässig, „von der Verwendung einer gebrochenen Schrift auf eine politische Affinität zu schließen“. Gut gebrüllt, ihr Löwen! Sonst wäre diese Zeitung schon seit 1949 ein Fall für den Verfassungsschutz. Doch dann das Unfassbare: Nur einen Tag später teilte das Landeskriminalamt mit, die Sitze würden entfrakturisiert, weil „der in Teilen der Öffentlichkeit wahrgenommene Kontext unter allen Umständen zu korrigieren“ sei.

          Schändlicher Verrat an der Fraktur, von Amts wegen! Ja, geht’s noch? Sollen diese ahnungslosen Teile der Öffentlichkeit vielleicht auch noch bestimmen, wann das Spezialeinsatzkommando im politisch korrekten Plüschpanzerwägelchen ausrücken soll? Und unter welchem Banner? Man könnte, um unter allen Umständen auf der sicheren Seite zu sein, im Internet darüber abstimmen lassen. Wir schlagen als neues Wappentier für das sächsische SEK den heldenhaften Hasen vor. Oder das Reh, das trotz der Farbe seines Fells auch (noch) nicht mit Hitler in Verbindung gebracht wird. Doch bitte Vorsicht bei der Schrift, siehe oben! Gänzlich unproblematisch wären in Sachsen wohl nur Stickereien in Kyrillisch.

          Wir aber bleiben der Gebrochenen selbstredend treu. Frohe Weihnachten, Fraktur, mon amour! Deinen Freundinnen und Freunden in unserer Leserschaft wünschen wir das natürlich auch!

          Berthold Kohler: „Fraktur“
          Berthold Kohler: „Fraktur“

          Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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