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Fraktur zum Weihnachtsunfrieden : Gift

Waffe unterm Weihnachtsbaum Bild: mauritius images / Tierfotoagent

Die Welt ist zu einem friedlosen Ort geworden. Das hat man an Weihnachten auch in den Familien gemerkt.

          2 Min.

          Im Anfang war das Wort, hieß es am 1. Weihnachtsfeiertag im Johannesevangelium. Tatsächlich war dieses Weihnachten ganz oft im Anfang das Wort – es war nur nicht unbedingt bei Gott. Da sagte die eine Schwester, nennen wir sie Maria, zur anderen, Marta, auf deren Frage, wo sie denn wieder gewesen sei, so dass sie erst am Nachmittag des 24. Dezember zur Familie habe stoßen können: „Ägypten“, und dann gab dies eine Wort das andere: Ob sie denn als studierte Politologin, immerhin mit Vordiplom, auch eine Meinung habe zu dem Regime in Ägypten.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Und dass es anstelle des Gutscheins für eine Beauty-Behandlung ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk gewesen wäre, wenn sie auch einmal die Mutter gepflegt hätte, wenigstens einen Tag, sagte Marta.

          Maria erwiderte, dass es nicht sein könne, dass man in diesem angeblich so hochentwickelten Land die Pflege von Angehörigen auf den Einzelnen abwälze, das sei ein strukturelles Problem, das die Politik lösen müsse. Im Übrigen glaube sie, dass sie im Tauchurlaub in Scharm al Scheich mehr für die Ägypter tun könne als am Herd in Paderborn.

          Die Welt ist bekanntlich zu einem unwirtlichen Ort geworden, in dem Menschen für ihre Charakterlosigkeit nicht verachtet, sondern in höchste Staatsämter gewählt werden. Für Weihnachten hätte das bedeuten können: zusammenrücken gegen das feindliche Draußen, das alte Haus der Eltern für ein paar Tage als Wagenburg aus Wolldecken betrachten, in dem man sich mit der vom Christkind gebrachten Taschenlampe orientiert.

          Aber jedes Haus hat einen Kamin, und durch den kam nicht nur der Weihnachtsmann, sondern auch das Gift, das Trump und Konsorten seit Jahren in die Staatenfamilie träufeln und von dem es zu Recht heißt, dass es auch wirkliche Familien zersetze.

          Von Putin lernen

          Die Dramatikerin Sarah Kane hat einst in ihrem Stück „Zerbombt“ gezeigt, wie der Krieg in der Welt zum Krieg im Privaten wird. Für großkalibrige Waffen sind Häuser oder gar Wohnungen eher ungeeignet. Dafür konnte man sich für die Festtage von der Politik subtilere Methoden für die Kammerkriegführung abschauen: Von Putin lernen hieß ein Geschenk aufreißen, auf dem der Name eines anderen stand, und dann triumphierend rufen, das habe man immer schon haben wollen.

          Die anderen Familienmitglieder, die merkten, dass hier etwas falsch lief, schwiegen, aus Angst vor dem großen Eklat. Um ihrem Unmut trotzdem Luft zu machen, aßen sie die Plätzchen des anderen nicht mehr und suhlten sich in dem Gefühl, Opfer zu sein, wie sie es von der AfD gelernt haben.

          Von Putin lernen konnte auch bedeuten, einen Hund als Waffe einzusetzen. Wenn nicht, um die Verwandtschaft zu bedrohen, so doch, um sie zu terrorisieren, indem man deren Töchterchen einen süßen Welpen unter den Christbaum legte. Von Erdogan lernen konnte wiederum heißen, bei jeder Gelegenheit damit zu drohen, wenn man selbst noch länger mit der ganzen Arbeit in der Küche allein gelassen werde, dann könne im nächsten Jahr gerne jemand anders sein Haus zur Verfügung stellen.

          Eine Herberge im ehemaligen Kinderzimmer?

          Von der SPD lernen hieß schließlich, bei der Frage, wie gerecht die Eltern die Bauplätze unter den Kindern verteilt haben, nicht eher Ruhe zu geben, bis die Ungerechtigkeit aus dem Jahr 1979 getilgt sein würde, als einem Sohn das Taschengeld gekürzt worden war.

          Am meisten Einfluss auf den Weihnachtsfrieden hatten aber die Kinder von Fridays for Future. In ihrem Geist konnte man, statt den Christbaum einem alten Brauch gemäß zu loben, eine erste Mikroaggression starten, indem man die Frage nach der Herkunft der Nordmanntanne stellte. Die Antwort konnte man mit deftiger Kritik quittieren, die man rechtfertigte mit dem Gerichtsurteil, wonach Renate Künast wüst beschimpft werden darf. Der Höhepunkt der Hochheiligen Nacht folgte dann mit dem Kirchgang, der garniert wurde mit der Frage, ob die Eltern Maria und Josef wohl eine Herberge geboten hätten.

          Die Antwort, wonach dafür nur das ehemalige Kinderzimmer in Frage gekommen wäre, gab Anlass zur wütenden Replik, jetzt wollten die Alten nicht nur unsere Zukunft zerstören, sondern auch noch die Vergangenheit. Gottlob gab es „Andi“ (A. Merkel) Scheuer. Von dem lernen hieß, sich nachts um eins den ganzen Schlamassel anzuschauen und dann „Party!!“ zu rufen.

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