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Obe ins Tal: Aber fühlt sich dabei auch a jeda wohl? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur zu den Grünen : Parteitag bei Hoppenstedts

Die Grünen machen auf Loriot. Ihr Versuch, uns die Angst zu nehmen, war jedoch zum Gruseln.

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          Ein bisschen enttäuscht waren wir schon von der Kuschelecke, mit der die Grünen auf ihrem Parteitag zeigen wollten, dass es wieder so gemütlich wird wie in den Siebzigern, wenn sie nächstes Jahr an die Macht kommen. Denn auf den Fotos an der Wand hinter dem Plüschsofa waren wieder nur die üblichen Verdächtigen zu sehen: Waltraud Schoppe, Christa Nickels, Joseph Fischer, Anton Hofreiter und natürlich Annalena Baerbock und Robert Habeck, Letztere gleich zweimal. Auf keinem Bild aber auch nur eine Spur von der F.A.Z. und ihren Redaktionsmitgliedern.

          Dabei hatte Habeck, als er unsere Zeitung im Sommer besuchte, in seinem Gefolge auch einen Leibfotografen mitgebracht, der losknipste, als handele es sich nicht um ein Redaktionsgespräch, sondern um ein Shooting für „Germany’s Next Topmodel“. Von oben, von unten, von vorne, von hinten und ganz oft von halblinks lichtete er Habeck ab. Wir aber taugten offenbar nicht einmal als unscharfer Hintergrund.

          Wie eine Mischung aus amerikanischem Fernsehprediger und Markus Lanz

          Allerdings haben wir damals ebenfalls kein Foto von Habecks Gastspiel in unseren Hallen veröffentlicht. Denn bei seiner Visite war eigentlich nur eines klargeworden: Ein Mann will nach oben. Und das ist ja keine Neuigkeit mehr. Anders als etwa Friedrich Merz kommt uns der Grüne aber auf die ganz weiche Tour, wenn auch zwischendrin mit theatralisch geballten Fäusten. Zu den Delegierten und Zuschauern des Parteitags im Homeoffice sprach er wie eine Mischung aus einem amerikanischen Fernsehprediger und Markus Lanz.

          Auch Habecks bessere Hälfte im Vorsitz, Annalena Baerbock, bestätigte, dass es „natürlich“ darum gegangen sei, den Leuten die Angst vor den Grünen zu nehmen. „Fürchtet euch nicht“, sagte sie in einer neospießigen Wohnzimmerkulisse, die wohl an Weihnachten bei Hoppenstedts erinnern sollte. Wir fanden allein schon den Gummibaum zum Gruseln.

          Erst recht erschreckend ist, dass für die heutigen Grünen „Macht“ kein „Igitt-Begriff“ mehr sein soll, wie Habeck sagte. Was unterscheidet sie dann noch von der CDU? Andererseits kann man auch fragen: Was unterscheidet die CDU noch von den Grünen? Da müsste doch auf beiden Seiten gründlich nachgeschärft werden, wie es jetzt dauernd heißt, freilich auf einem noch fürchterlicheren Schlachtfeld.

          Wir meinen nicht den Fußball. Obwohl auch dort Köpfe rollen müssten. Das Deprimierendste an der 0:6-Klatsche war übrigens nicht, dass Jogi Löw weiter unauffällig an der Seitenlinie stehen muss. Sondern, dass in jedem Spielbericht wieder die Schande von 1931 erwähnt wurde, die ja sogar noch schlimmer war als die Schmach von Córdoba (von dem niemand weiß, wo es liegt). Sieben Jahre hat es nach dem 0:6 gegen Österreich gedauert, bis die Scharte im Degen des deutschen Nationalstolzes wieder ausgewetzt war.

          Die Grünen sind Spaßbremsen geblieben

          Und den müssen wir jetzt ja vielleicht wieder zücken, wo doch der bayerische Ministerpräsident die „Ski-Schlacht“ gegen Österreich eröffnet hat, wie die „Bild“-Zeitung in einem ersten Kriegsbericht schrieb. Söders Forderung, auch im Nachbarland die Skigebiete zu schließen, folgten in Wien tatsächlich Geräusche, die wie das Nachschärfen von Stahlkanten klangen.

          Überraschen kann das freilich nicht. Wenn man den Ösis das Schifoan verbieten wollte, könnte man auch gleich noch versuchen, ihnen den Schmäh und das Schnitzel auszutreiben. Nicht umsonst heißt es in der inoffziellen Nationalhymne von Wolfgang Ambros: „Weil Schifoan is des Leiwandste, wos ma sich nur vurstelln kann ... Und wann der Schnee staubt und wann die Sunn’ scheint, dann hob’ i ollas Glück in mir vereint. I steh’ am Gipfl, schau’ obe ins Tal, a jeda is glücklich, a jeda fühlt sich wohl ...“

          Gar nicht hätte es uns gewundert, wenn es die Grünen gewesen wären, die uns auch dieses Glück hätten verbieten wollen. Die sind, da können sie auf einem virtuellen Parteitag noch so sehr den Loriot machen, im Innersten ihres Wesens Spaßbremsen geblieben. Aber dass ein bayerischer Regierungschef, die Alpen vor Augen, nicht ollas Glück in sich vereint hat, wenn er obe ins Tal schauen kann? Na ja, in einem solchen liegt auch Ischgl.

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