https://www.faz.net/-gpf-9rve7

Auch sie beim VEB Horch und Guck? Jedenfalls viel Leistung für ein kurzes Leben. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Lob für die Lebensleistung

Nach dem Tag der Deutschen Einheit kann man sich als Wessi nur zweitklassig vorkommen.

          2 Min.

          Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer wächst in uns nun doch langsam der Wunsch, östlich von ihr geboren worden zu sein. Wäre uns das vergönnt gewesen, müssten wir nicht länger unsere Mitmenschen dazu auffordern, endlich unsere Lebensleistung anzuerkennen. Das würden dann für uns keine Geringeren als der Bundespräsident, der Bundesratspräsident und die Bundeskanzlerin übernehmen. Sie brauchten in unserem Fall auch nicht so dick aufzutragen, wie es zum Tag der Deutschen Einheit üblich geworden ist, um unsere ostdeutschen Mitbürger ein bisschen zum Mitfeiern zu bewegen. Denn, Hand aufs Herz: Was haben wir im Westen schon Vergleichbares geleistet?

          Unsere Revolution, die von 1968, ist doch kläglich gescheitert, wenn man sich anschaut, was aus der unbeugsamen Stadtguerrilla von damals wurde: die Grünen. Und was war der größte Erfolg der Friedensbewegung, obschon ideologisch wie finanziell massiv von der Stasi unterstützt? Dass Nicole den „Eurovision Song Contest“ gewann. Schließlich: Haben vielleicht wir Wessis die DDR-Botschaft in Prag besetzt und unsere (jedenfalls früher) heißgeliebten Golf und Passat in den Straßen zurückgelassen wie die Ossis damals ihre Trabis? Das hat die Tschechen schwer beeindruckt und darin bestärkt, ebenfalls auf die Barrikaden zu gehen. Noch Jahre später sah man sie mit den Heldenautos herumfahren, die klar an den Sportlenkrädern, Spoilern und Zusatzscheinwerfern zu erkennen waren.

          Im Vergleich der Lebensleistungen ist es also mehr als berechtigt, dass sich die Lobreden auf den Mut der ehemaligen Bürger der DDR von Jahr zu Jahr steigern, auch wenn man sich danach als Wessi zunehmend zweitklassig vorkommen muss. Während wir den Kapitalisten auf den Leim gingen und für sie Tag und Nacht schufteten (abgesehen vom Samstag, wo wir uns das Opium fürs Volk reinzogen, die Bundesliga), unterminierten unsere Landsleute das SED-System derart geschickt und nachhaltig, dass es nach vierzig Jahren sturmreif war, weil noch maroder als die Wirtschaft.

          Unsere herrschende Klasse kann von Glück sagen, dass die Ossis damals, als sie bei uns einmarschierten, nicht bis an den Rhein vorrückten, um unser Regime gleich mit auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Dass die Trabi-Kolonnen schon kurz hinter der Grenze zum Stehen kamen, ist nicht so sehr der vielgerühmten Wehrhaftigkeit unserer Demokratie zu verdanken als vielmehr den Festungen der Aldi- und Edeka-Linie, die weitsichtige Kaufleute im Kalten Krieg für den Ernstfall errichtet hatten.

          Gut, auch im Osten war nicht alles Gold, was glänzte, und nicht jeder ein Gott, der so hieß. Doch wem im Westen kann schon bescheinigt werden, gleichzeitig Opportunist und Oppositioneller gewesen zu sein, wie nun mitunter dem verstorbenen Prager Schlagersänger? Der soll für diese Lebensleistung sogar ein Staatsbegräbnis bekommen, eine Ehre, mit der die Tschechen sonst ziemlich geizen.

          Über einen Verblichenen ist aber eben nur Gutes zu sagen. Das gilt natürlich auch für den Staat der Ostdeutschen. Es fällt gar nicht schwer, wenn man sich einige der mehr als zweitausend Schmalfilme im Internet ansieht, die endlich auch den Westdeutschen begreiflich machen sollen, dass auch unter Honecker nicht alles schlecht war. Der Bundespräsident will ja, dass wir uns mehr dafür interessieren, wie es in der Zone zuging. In diesem wunderbaren Filmarchiv stößt man auf lachende Kinder, gutgelaunte Genossen und kuschlige Kollektive. Schade, dass die Hobbyfilmer offenbar nur selten in Bautzen oder am antifaschistischen Schutzwall drehten, denn auch über die idyllischen Zustände dort hätte man gerne mehr erfahren.

          Wo die Kamera aber lief, ob in der Datsche oder Unter den Linden, ist kein einziges böses Wort zu hören. Das wäre bestimmt auch dann nicht der Fall gewesen, wenn die Filme eine Tonspur gehabt hätten. Doch dieses Material blieb dem VEB Horch und Guck vorbehalten, der damit seine Arbeit akribisch dokumentierte. Vielleicht bekommen wir diese Nachweise für seine umfangreiche Lebensleistung auch noch zu sehen. Es muss ja nicht unbedingt an einem 3. Oktober sein. Sonst versinken am Ende auch noch wir Wessis in einer Depression, weil wir wieder nichts Vergleichbares vorweisen können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kündigt Sanktionen gegen die Türkei an: der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Stahlzölle steigen : Trump kündigt Sanktionen gegen Türkei an

          Amerika hatte die Türkei mehrfach gewarnt, nun macht die Regierung ernst: Die Strafzölle auf Stahl aus der Türkei sollen wegen der umstrittenen Militäroffensive Ankaras in Syrien auf 50 Prozent steigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.