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Fraktur : Auch wenn die Welt zusammenfällt

Wer Parteifreunde wie Carsten Linnemann hat, braucht keine Feinde mehr. Doch nicht jeder kann sich seine Kumpel so frei aussuchen wie Donald Trump.

          Shitstorm-Meterologen streiten noch darüber, wer in dieser Woche den perfekteren Sturm ausgelöst hat: der nach eigenem Urteil törichte Schalke-Boss Tönnies oder der Vorsitzende der Mittelschulen- und Wirtschaftsgymnasienvereinigung der CDU/CSU, Linnemann? Unserer bescheidenen Meinung nach müsste der Lorbeer an Linnemann gehen, denn Tönnies hat ja nur den legendären Satz einer bayerischen Fürstin aufgewärmt, die schon vor Jahren feststellte, dass Afrika Probleme habe, weil der Schwarze gerne schnacksele.

          Allerdings hatte nicht einmal sie behauptet, der Afrikaner sei lichtscheu und produziere seine Kinder nur im Dunkeln. Wie kam Tönnies bloß auf diese Schnackselidee? Vielleicht hatte er im Urlaub noch einmal Joseph Conrad gelesen.

          Linnemanns Äußerungen waren da schon etwas origineller, obwohl auch er zu seiner Verteidigung anführen musste, dass es das Grundschulverbot für des Deutschen nicht mächtige Kinder – das er gar nicht gefordert habe! – in Hessen seit dem Jahr 2006 gibt. Schon für den allgemeinen „Aufschrei der Entrüstung“ hatte Linnemann daher kein Verständnis. Am schlimmsten aber traf ihn, dass „sogar Parteifreunde mich bewusst falsch verstehen wollen, dann macht Politik auch keinen Spaß mehr“. Da müsse man ihn doch verstehen – und zwar richtig, fügen wir sicherheitshalber an.

          Ob die Kollegin vom Deutschlandfunk, die den CDU-Bildungspolitiker interviewte, dieses Verständnis aufbrachte, wissen wir nicht. Wir jedenfalls verstehen ihn. Bei solchen Parteifreunden braucht man keine Feinde mehr. Wenn aber keine wirkliche Freundschaft und kein Lächeln mehr wären in der deutschen Politik, dann wäre das nicht mehr unser Land. Wer wissen will, wie eine Partei aussieht, aus der Freude, Freundschaft und Verständnis vollständig entwichen sind, braucht sich ja nur die Ruinen der SPD anzusehen.

          Anders, als es uns die Politikwissenschaftler seit Machiavelli weismachen wollen, geht es in der Politik nicht nur um Macht und eiskalte Interessen, sondern auch, vielleicht sogar zuvörderst, um große Gefühle. Das glückliche Österreich beherzigt das nicht erst seit der bsoffnen Gschicht auf Ibiza. Deswegen hat die Freunderlwirtschaft bei unseren Nachbarn auch keine Wachstumssorgen.

          Uns Piefkes musste dagegen erst ein Geschäftsmann namens Donald Trump daran erinnern, dass es nicht nur bei der Immobilienspekulation hilfreich ist, auf ein Netz enger Freunde zurückgreifen zu können. Trump hat sich auch mit fast jedem Politiker angefreundet, den er auf dem internationalem Parkett traf und der nicht bei drei auf einem Baum war. Zu den ranghohen und auch als solche öffentlich titulierten Freunden des amerikanischen Präsidenten gehören Xi Jinping, Boris Johnson, „Bibi“ Netanjahu und natürlich Kim Jong-un. Letzterer, so sagte Trump, wolle „seinen Freund, Präsident Trump, nicht enttäuschen“, weswegen die jüngsten nordkoreanischen Raketenstarts zwar vielleicht gegen UN-Verbote verstießen, aber keinen Vertrauensbruch darstellten.

          Trump erkannte mit dem ihm eigenen Gespür für fremde Kulturen sofort, dass man in Asien Freundschaft eben auf etwas andere Weise bekundet: Die Raketen waren feurige Liebesgrüße aus Pjöngjang! Und auch der Handels- und Währungskrieg mit Trumps Kumpel Xi ist in Wahrheit ein wechselseitiger, milliardenschwerer Freundschaftsbeweis. Man sollte eben Konfuzius gelesen haben.

          Von dem stammt angeblich auch der Satz, in den unsere Großmutter ihre Kritik an unserer jedenfalls damals langhaarigen Peergroup kleidete: „Zeige mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist.“ Abgesehen davon, dass man das schon damals nicht zu genau wissen wollte, kann man sich seine Freunde bekanntlich nicht immer aussuchen, jedenfalls nicht als Otto Normalverbrüderer. Der mächtigste Mann der Welt aber kann das natürlich schon. Er hat, wie sein illustrer Freundeskreis zeigt, zweifellos erkannt, dass echte Freundschaft noch wertvoller ist als eine falsche Neuigkeit.

          Nicht ohne Grund sangen die drei von der Tankstelle schließlich schon 1930: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn die ganze Welt zusammenfällt.“ Dem amerikanischen Präsidenten müsste nur jemand, der mehr Einfluss auf ihn hat als wir, bitte sagen, dass er das nicht so wörtlich nehmen soll wie Hitler und Mussolini.

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