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Fraktur : Ein bisschen darf’s schon schillern

  • -Aktualisiert am

„Von Natur aus unseriös“: Boris Johnson nicht etwa über Boris Johnson, sondern über Winston Churchill Bild: AFP

Denn nach dem Unseriösen lechzen ja nicht nur die Anhänger der AfD. Es ist ein Signum nicht nur unserer Zeit.

          2 Min.

          Was ist das Signum unserer Zeit? Die Wut? Der Nationalismus? Die geistige Orientierungslosigkeit? Die Suche nach Authentizität? Alles falsch. Was Menschen heute miteinander verbindet, wonach sie wirklich suchen, ist die Unseriosität. Ein sehr guter Ort, um das zu beobachten, sind AfD-Parteitage wie zuletzt der im mittelfränkischen Greding.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es fing schon damit an, dass die Veranstaltungshalle in unmittelbarer Nachbarschaft eines Swingerclubs lag. Und dann die Leute: Fahnen waren dort nicht nur schwarz-rot-gold, sondern sie rochen auch mal nach Alkohol, schon morgens um kurz nach zehn. Mit den Anzügen, die teilweise getragen wurden, könnte man auch eine Freizeitparkeröffnung moderieren, und mit den kunstvollen Bärten, die mancher sich ins Gesicht gezaubert hatte, im Zirkus Roncalli auftreten. Auch die in Greding herrschende Dichte von Großwildjägern mit Siegelring und Privatpleitiers mit halbseidenen Einstecktüchern dürfte schwer zu übertreffen sein.

          Doch die Unseriosität hat die AfD keineswegs für sich gepachtet. Ganz Deutschland lechzt ja offenbar danach: Jedes Dorf, das etwas auf sich hält, hat zwei, drei Spielhallen, auf jeden Fall aber Sonnen- und Nagelstudio. Supermarktkassiererinnen lassen sich von Webcam-Girls kaum noch unterscheiden, und die Hälfte der Zwanzigjährigen, von denen die Mehrzahl „isch bin“ statt „ich bin“ sagt, fährt in Autos durch die Gegend, die man sich mit einem „Ausbildungsberuf“ sicher nicht leisten kann.

          Diese Tendenzen bilden sich auch in der Politik ab, und zwar weltweit. Amerikanische Präsidenten haben den Habitus von Boxpromotern, österreichische Vizekanzler ahmen Videothekenbetreiber nach und russische Präsidenten Hotelbarpianisten in Goldgräberstädten. Dazu passt nun allerbestens ein britischer Premier, den man sich gut als Dart-Profi oder sogar Unterhaus-Sprecher vorstellen könnte und der in seiner Churchill-Biografie über den großen Alkoholliebhaber schrieb: „Seine ganze Karriere hindurch wurde er nicht nur für unseriös gehalten, sondern von Natur aus unseriös.“

          Das ist ein Hinweis darauf, dass das Unseriöse nicht nur ein Signum unserer Zeit ist – sondern aller Zeiten. Wir wollen hier nicht gleich mit dem Dritten Reich kommen, weil solche Vergleiche immer in die Hose gehen, aber man schaue sich doch mal das Personal an, dem einst die Deutschen Deutschland anvertraut haben: gescheiterte Postkartenmaler, Morphium-Junkies, mittellose Bohemiens.

          Warum das so ist, sieht man, wenn man die Romane der Weltliteratur zur Hand nimmt. In ihnen wimmelt es von gescheiterten Existenzen – vergeblich sucht man hingegen nach Elektroinstallateuren, Bankkaufleuten oder Baumarktangestellten, die weder tätowiert noch spielsüchtig noch nymphoman sind. Und geht es nicht auch in der Politik um die große Erzählung, das Narrativ?

          Man muss ja nicht gleich so viel Abgründiges bieten wie die AfD. Aber ein bisschen darf’s schon schillern. Bei der FDP war das eigentlich immer so, dafür sorgten schon die Zahnarztgattinnen, die der Charity und der Schönheitschirurgie in Deutschland auf die Beine halfen. Christian Lindner versucht, mit Haartransplantation und Steakdebatten an diese Tradition anzuknüpfen, aber die FDP muss aufpassen, dass sie nicht ins Hintertreffen gerät.

          Für die SPD sieht es ganz düster aus

          Dass die CDU im Moment Probleme hat, liegt daran, dass es ihr an Leuten fehlt, die ein Lebensgefühl wie einst Laurenz Meyer transportieren könnten. Der Erfolg der Grünen wiederum kann nur daran liegen, dass die Leute glauben, Robert Habeck gehe heimlich auf Tuningmessen oder veranstalte Hahnenkämpfe; er wird bald liefern müssen.

          Auch von der CSU muss mehr kommen. Ihr neuerdings so seriöser Chef Markus Söder kann nur hoffen, dass in seiner Partei noch der eine oder andere Landrat überdauert, der sich die eigene Geburtstagsfeier von der örtlichen Sparkasse bezahlen lässt.

          Ganz düster sieht es hingegen für die SPD aus. Seit Sigmar Gabriel ins dritte Glied gerückt ist, hat sie alles Goldkettchenhafte verloren. Wenn sie sich nicht schleunigst auf die Zeiten besinnt, als Gerhard Schröder mit Zigarre im Anschlag jederzeit den unbezahlbaren Eindruck zu erwecken wusste, er sei nicht Kanzler, sondern ein Wettbürobetreiber, der mit seinem Geld einen Eishockeyclub von der vierten in die dritte Liga hieven will, dann wird die SPD in Seriosität sterben.

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