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Fraktur : Kanzlerkandidat Böhmermann

Gallischer Hahn mit Humor: Man müsste es ja nicht gleich wie Coluche machen. Bild: Wilhelm Busch

Kläglicher Komiker: Den heißen Atem der Satire verspüren die Politiker doch nicht vor Gericht.

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          In Japan beginnt nun bald das Zeitalter der Ordnung, des Friedens und der Harmonie, also eine Phase der fürchterlichen Langweile. Da verfolgen wir doch lieber weiter das wahrhaft tolle Geschehen in Little Britain. Wegen des großen Erfolgs beim einheimischen wie europäischen Publikum muss die Brexit-Show schon wieder verlängert werden.

          Zugegeben, der Preis ist happig. Aber schwärzerer Humor und eine professionellere Darbietung desselben sind weltweit nicht zu finden. Die verziehen in Westminster ja nicht einmal bei den größten Brüllern („Order!“) die Miene. Verglichen mit dieser Screwball-Tragödie, ist selbst die Kultserie „Yes Minister“ aus den Achtzigern eine matte Sache. Es versteht sich doch hoffentlich von selbst, dass das Unterhaus ehrenhalber den Titel „Monty Python’s Flying Circus“ verliehen bekommen sollte, sobald sein Dachschaden behoben ist.

          Natürlich wollen auch andere Völker etwas in dieser Richtung und idealerweise aus dem eigenen Kulturkreis im Free-TV sehen, man hat ja sonst nicht mehr viel zu lachen. Der Trend zur komischen Politik kommt wie immer aus Amerika. Die Amerikaner wählten sich schon vor drei Jahren Donald Trump zu ihrem Präsidenten. Der Clown im Weißen Haus hat zwar nicht den zartbitteren After-Eight-Humor eines Jacob Rees-Mogg, trägt seine Sketche aber ebenfalls bierernst vor. Als Trump kürzlich vor laufenden Kameras seinen Vater mit seinem Großvater verwechselte, wirkte das vollkommen glaubhaft.

          Insbesondere Trumps Auftritte mit Wladimir Putin scheinen die Ukrainer derart beeindruckt zu haben, dass sie nun sogar einen gelernten Komiker in die Stichwahl gegen ihren Präsidenten Poroschenko schicken. Der Amtsinhaber hat, wenn man sich sein Ergebnis aus der ersten Runde ansieht, als Witzfigur offensichtlich versagt. Es verfügt eben nicht jeder Politiker über das Talent eines Boris Johnson.

          Der Komiker Michel Colucci, besser bekannt als Coluche, mischt 1981 den Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich auf.

          Dass der Herrgott auch den Humor ungleichmäßig auf der Welt verteilt hat, zeigt sich leider nicht zuletzt in der deutschen Politik. Eigentlich hat sie zur Komik eine enge Verbindung, man denke nur an die saarländische Putzfrau, Söders anhaltende Verkleidung als bayerischer Ministerpräsident und die Beschlüsse der Berliner SPD, etwa den zur staatlichen Förderung feministischer Pornos. Aber dann ist auch schon wieder Schluss mit lustig, von den Gesangseinlagen (so man sie denn so nennen will) der amtierenden SPD-Vorsitzenden und den Gastgeschenken ihres Vorgängers abgesehen. Von einem Spektakel wie in London können wir trotz aller Anstrengungen selbst der AfD nur träumen.

          Vielleicht ist dafür auch ungenügender Wettbewerbsdruck von Seiten der professionellen Komiker verantwortlich. Wir meinen nicht das Geblödel in den öffentlich-rechtlichen Fernsehshows oder in randständigen Zeitungsglossen. Den heißen Atem der Satire spüren unsere Berufspolitiker doch erst dann wirklich im Genick, wenn die Comedians sich anschicken, den Politikern die Jobs wegzunehmen. Das haben in deutschen Landen bisher ernsthaft nur Vater und Sohn Sonneborn versucht, der Ältere vergeblich. Doch: Ex oriente lux! Von ukrainischen Komikern lernen heißt siegen lernen!

          Wie kläglich nimmt sich dagegen die Klage Jan Böhmermanns gegen die Bundeskanzlerin aus. Das ist für einen Komiker, der die Regel „Alles ist erlaubt“ bis zum letzten Kalauer verteidigen müsste, ein ziemlich schlechter Witz. Böhmermann sollte Merkel nicht verklagen – er sollte gegen sie antreten und die Entscheidung in offener demokratischer Wahlschlacht suchen. Dafür ist es zwar jetzt etwas spät, weil die Rekordkanzlerin eigentlich nicht noch einmal als Kanzlerkandidatin antreten will. Aber ein solcher Herausforderer könnte Merkel vielleicht noch von ihrem Entschluss abbringen. Kanzler in der Spätphase sind bekanntermaßen für alle plötzlich auftauchenden Gefahren dankbar, die es ihnen unmöglich machen, ihr Land einem unerfahrenen Nachfolger zu überlassen.

          Und eine Gefahr für alles, was wir seit Merkels Machtübernahme erreicht haben, wäre der bunte Vogel Böhmermann natürlich, dazu müsste er sich nicht erst wie der französische Komiker Coluche im Präsidentschaftswahlkampf von 1981 Federn in den Landesfarben in den Hintern stecken. Man will sich gar nicht ausmalen, wie zum Beispiel eine Zusammenkunft eines Kanzlers Böhmermann mit dem türkischen Staatspräsidenten verliefe. Denn Erdogan versteht, wenn es um Kritik an seinen Aufführungen geht, so wenig Spaß wie Böhmermann selbst.

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