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Fraktur : Körperloses Spiel

Es war einmal: Als Mann und Frau sich noch nicht fremd waren. Bild: Wilhelm Busch

Warum ein gewisses Maß an Entfremdung nicht schlecht ist – und in welche Falle die Kanzlerin nicht tappen wird.

          Mit Enthüllungen amerikanischen Ausmaßes wie jene, die jetzt dazu führten, dass Präsident Frank Underwood abgesetzt wurde, können wir hier leider abermals nicht dienen. Wie auch, wo doch keines unserer bisherigen Staatsoberhäupter nicht einmal annähernd ein derart verlottertes Vorleben vorzuweisen hatte. Unsere Spitzenpolitiker befassen sich mit dem weiten Feld der Fragen „Wer sind wir? Wie finden wir zu den anderen und zu uns selbst? Und wie machen wir uns dabei schuldig?“ eher, wie es sich im Land der Dichter und Denker gehört, auf theoretischer Ebene. Die Ernsthaftigkeit, mit der das geschieht, wird leider nicht immer bemerkt und noch seltener gewürdigt.

          Diese Zeitung hat mit der Mahnung Steinmeiers anlässlich seines Antrittsbesuchs in Moskau, etwas gegen die Entfremdung im deutsch-russischen Verhältnis zu unternehmen, die Seite eins aufgemacht. Doch Deutschland war vollauf damit beschäftigt, Kostüme für die 500. Wiederkehr der Begründung des Halloween-Festes durch Martin Luther zu kaufen – oder aus diesem Anlass Graffiti an Häuser und Mauern zu sprühen, damit wir noch mehr Denkmäler für den Bildungsnotstand in unserer Republik haben. Was soll aus diesem Land bloß werden, wenn die vom amerikanischen Unkulturimperialismus verführte Generation Halloween vielleicht Michael Myers kennt, aber nicht einmal mehr weiß, wie ein Hakenkreuz wirklich aussieht?

          Entfremdet von der eigenen Geschichte! Womit wir wieder beim Thema wären. Entfremdung, liebe Landsleute! Das ist deutsche Leidkultur pur! Wer kennt dieses schmerzliche Gefühl nicht? „We too!“, können wir da nur rufen. An dieser Geißel der Menschheit haben sich über Jahrhunderte hinweg (nicht nur) deutsche Philosophen abgearbeitet, bis ihnen nichts mehr fremd war. Kurzgefasst lautet das befremdliche Ergebnis in etwa: Die Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit, seinen Mitmenschen und natürlich auch von sich selbst ist quasi zu einem neuen Naturzustand geworden, gegen den man nur sehr schwer ankommt.

          Doch strebt der Mensch, solang er irrt, weshalb nun auch Union, FDP und Grüne versuchen, nicht mehr so zu fremdeln, wenigstens nicht in der Zigarettenpause auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft, obwohl doch alle wissen, dass keiner von denen mehr raucht, denn selbst vom Glimmstengel hat der Deutsche sich weitgehend entfremdet.

          Aber sollen wir diese Verschwesterung wirklich wollen, wo wir doch schon ein Paar wie Hund und Katz haben (CDU und CSU) und anderthalb Jahrhunderte brauchten, um ein halbwegs ausdifferenziertes Parteiensystem zu entwickeln? Wollen wir wirklich zurück zur Nationalen Front, die wir, ein so buntes Völkchen sind wir geworden, lieber Jamaika nennen oder, wie in Sachsen-Anhalt, Kenia (Hauptsache, Italien)? Nein, ein gewisses Maß an Entfremdung finden wir gar nicht schlecht, wobei wir wirklich nicht das im Sinn haben, was vielleicht die AfD darunter versteht.

          Natürlich hätten wir nichts gegen eine Verbesserung unseres Verhältnisses zu Moskau, etwa indem wir, Krim hin, Ukraine her, wieder deutsche Prinzessinnen nach Russland exportierten. Aber die Nachfrage ist ja schon seit der Oktoberrevolution eingebrochen, und auch das Angebot ist nicht mehr so üppig, wie es einmal war. Wir sollten derzeit eher nach Westen blicken, von wo man nun fast stündlich aufs Neue hört, wohin dieses geradezu tierische Streben nach Nähe und Vertrautheit auch noch nach dreißig Jahren führt: ins Verderben (wohin diese verdorbenen Gesellen auch gehören).

          Das sollte Merkels willigen Koalitionären eine Warnung sein. Denn, Hand aufs Knie, aber bitte nur das eigene: Das vertraute wechselseitige Betatschen auf dem Balkon, das heute noch als Zeichen für ein gutes zwischenmenschliches Klima gilt, könnte in ein bis zwei Jahrzehnten als vollkommen inakzeptables Verhalten angesehen werden, das den sofortigen Rücktritt von allen Ämtern erfordert. Sehr leichtsinnig also, diese öffentliche Fraternisierung?

          Verschwörungstheoretiker werden dahinter vielleicht eher einen langfristigen Plan für den Fall erkennen, dass Merkel auch nach der übernächsten Wahl nicht freiwillig aufhört. Wer der Kanzlerin körperloses Spiel verfolgt, weiß freilich, dass das die letzte Falle wäre, in die sie tappen würde.

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