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Das hat Scheuer vergessen: Klimmzugstangen an Busbahnhöfen. Bild: ddp Images

Fraktur : Anreize und Verbote

Warum die SPD vor den Schicksalswahlen im Osten ins Fitnessstudio sollte – und ein Besuch dort ohnehin das Ermutigendste ist, was man in diesem von nachlassendem Wachstum geschundenen Land tun kann.

          Das Ermutigendste, was man in diesem von nachlassendem Wachstum geschundenen Land tun kann, ist, ins Fitnessstudio zu gehen. Das kostet nicht viel, und es ist rührend mitanzusehen, wie hier Heranwachsende, die im Alltag gerne mal Fünfe grade sein lassen, über jede Kalorie und jede Ampulle Buch führen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Im Fitnessstudio sind alle Menschen Brüder und sprechen sich auch so an („Hey, Bro“). Draußen mögen Gebietsansprüche mit Schlagringen durchgesetzt werden, hier reicht ein Handtuch, kleiner als auf Strandliegen in Cesenatico.

          Man fragt sich, warum nicht jede Stadt an jedem Busbahnhof und Bahnsteig ein paar Klimmzugstangen oder Hantelbänke aufstellt – das wäre für das soziale Miteinander segensreicher als sporadisch eingesetzte Sicherheitskräfte, die selber ein paar Klimmzüge vertragen könnten. Man fragt sich auch: Woher kommt die Disziplin der jungen Leute? Kann man die auf den Kampf für Umwelt- und Klimaschutz umlenken? Es wäre doch toll, wenn die Jugendlichen Muscheln so wichtig fänden wie Muskeln – und den Zustand von Buchen, Bachen und Bächen wie den ihrer Bäuche.

          Auf den ersten Blick gibt das Fitnessstudio-Beispiel CDU und CSU recht. Die heben in der Klimadebatte ja unermüdlich hervor, dass Anreize besser seien als Vorschriften und Verbote. Tatsächlich gibt es keine staatliche Pflicht, ins Fitnessstudio zu gehen – und doch tun es so viele. Punkt für die Union! Sie ist allerdings inkonsequent bei der Frage, wie viel sie den Menschen wirklich zutrauen will.

          Wenn die jungen Männer auf der Straße ihre frisch gewonnene Fitness am Mitmenschen erproben wollen, dann versuchen die Joachim Herrmanns dieser Welt sie nicht etwa durch Anreize wie Ikea-Gutscheine oder eine Aufenthaltsgenehmigung davon abzuhalten, sondern dann wird gedroht und die Verbotskeule geschwungen: Verhaftung, Prozess, Gefängnis. Dabei weiß doch jeder, dass man die jungen Leute von heute damit nicht mehr erreicht. Die Sprache, die sie verstehen, ist Mercedes-AMG, das sieht man auf den Parkplätzen vor den Fitnessstudios.

          Sehr zweifelhaft ist daher auch, womit nun Verkehrsminister Andreas Scheuer um die Ecke kommt: Novelle der Straßenverkehrsordnung! Die Anreize, mit denen er dabei arbeitet, sind viel schwächer als die, auf die er selbst zu reagieren pflegt. Wer seinen Mercedes-AMG zuhause stehen lässt und stattdessen eine Fahrgemeinschaft bildet, darf künftig die Busspur benutzen, die er dann auch noch mit E-Rollern teilen muss. Soll das ein Witz sein? Außerdem ist geplant, die Bußgelder fürs Parken auf Gehwegen zu erhöhen. Will die CSU denn, dass sich Autofahrer in Deutschland vorkommen wie Studenten in Hongkong?

          Zwischen Verbot und Anreiz gibt es allerdings noch etwas Drittes, was Menschen zum Handeln animieren kann: die Gelegenheit. Man sieht das an den E-Rollern. Sie zu benutzen ist weder verboten noch Pflicht, aber wenn sie halt schon auf dem Gehweg herumstehen, dann klaut man sie eben oder schlägt aus Frust dagegen, etwa wenn man zu den Abgehängten im Osten gehört. Die Gelegenheit, sagt das Sprichwort, mache Diebe. Sie macht aber auch Kinder – und schützt das Klima.

          Auf diese Zusammenhänge wollte zuletzt wohl der Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies aufmerksam machen. Es misslang. Bei der Aufregung über seine Aussagen blieb allerdings der Kern seiner These, dass elektrisches Licht zu weniger Geschlechtsverkehr führe, ungeklärt. Ist das so? Und wenn ja, warum? Das wären mal interessante Forschungsfragen für die Doktorarbeit eines aufstrebenden Politikers.

          Damit wären wir bei der SPD. Wie bekommt man sie fit für die Zukunft? Wie übersteht sie die Schicksalswahlen im Osten? Der italienische Innenminister Matteo Salvini ist zuletzt durch die Strandbäder Italiens getourt, was auch eine Form von Anreiz war. Mit Rechten reden geht natürlich gar nicht, erst recht nicht als SPD – aber warum nicht von ihnen lernen?

          Das Problem im Osten ist allerdings, dass dort viele Bäder aussehen wie Braunkohlegruben – erst durch die Kompensationszahlungen für den Kohleausstieg soll das besser werden. Und will man sich Hubertus Heil wirklich in Badehose vorstellen, und sei es im Dunkeln? Fazit: Auch die SPD sollte ins Fitnessstudio. Da riecht es manchmal auch und stinkt sogar gelegentlich.

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