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Fraktur : Gerahmte Gedanken

Falsches Spiel mit Roger Rabbit: Reingelegter Hase Bild: Wilhelm Busch

Vom Werkstattgespräch bis zur Respektrente: Das „Framing“ findet mehr und mehr Fans.

          Alle Welt fällt jetzt über die arme ARD her, weil die sich von unseren „Zwangsgebühren“ eine umfangreiche Anleitung gekauft hat, wie sie uns dazu bringen kann, die „Gemeinwohlmedien“ wieder lieber zu haben als die „medienkapitalistischen Heuschrecken“. Die Methode, die sich die öffentlich-rechtlichen Kollegen in ihrer Verzweiflung aufschwatzen ließen, heißt „Framing“.

          Wie bei vielem, was aus Amerika kommt, soll man nicht zu genau wissen, was sich dahinter verbirgt. Etwas völlig Neues steckt nämlich auch in dieser Erfindung nicht. Im Grunde geht es um eine moderne Form der Gehirnwäsche. Denn nicht nur der stete Tropfen höhlt den Kopf, sondern auch das schöne Wort. Es weckt unweigerlich Assoziationen. Und schon bewegen sich, jedenfalls in der Theorie, die Gedanken nur noch im gewünschten Rahmen („frame“).

          Wir haben, einer Anregung des Bildungskanals der ARD zum Framing folgend, einen Selbstversuch gemacht und ganz fest an den Begriff „Oktoberfest“ gedacht. Und siehe da, es hat einwandfrei funktioniert: Erst rochen wir förmlich den Steckerlfisch, dann schmeckten wir das Bier, dann wurde uns schlecht.

          Seit unsere Kanzlerin im vergangenen Sommer entdeckte, „dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt“, sind auch die Politiker zu Anhängern der Framing-Lehre geworden, denn bei den Parteien handelt es sich im weiteren Sinne ja ebenfalls um öffentlich-rechtliche Entitäten mit ähnlichen Problemen. Auffallendster Beleg für die Ausbreitung des neuen Glaubens war das „Werkstattgespräch“ der Unionsparteien über die Migrationsfrage, das früher wie immer „Workshop“ geheißen hätte. Bei diesem Wort wird einem mittlerweile aber sofort schlecht, da muss man gar nicht erst ans Oktoberfest denken.

          „Werkstattgespräch“ dagegen lässt vor dem inneren Auge die guten alten Zeiten auferstehen, in denen man noch endlos mit Kfz-Mechanikern (so hießen früher die Mechatroniker) fachsimpeln konnte. Damals rochen die Autos noch nach Benzin und das Kühlwasser schmeckte nach österreichischem Wein. Niemand, der jemals in einer Montagegrube stand, kann auch das wohlige Gefühl vergessen haben, wenn einem beim Ölwechsel die heiße Brühe über die Hände lief, um dorthin zu verschwinden, wo sie ursprünglich herkam.

          Doch auch bei jenen, denen solche sinnlichen Erfahrungen unter den Rostlauben ihrer Jugend nicht vergönnt waren, mag „Werkstattgespräch“ positive Erinnerungen geweckt haben, etwa an die liebevollen Dialoge zwischen Meister Eder und dem Pumuckl in der berühmten Münchner Schreinerei. Und tatsächlich: Manche Äußerung im Konrad-Adenauer-Haus konnte durchaus mit den axiomatischen Behauptungen des Kobolds mithalten. Allerdings hätte Meister Eder sich und den Pumuckl kaum jemals mit Meister Eckhart und Pinocchio verwechselt.

          Apropos Sozialdemokraten: Auch die SPD bewies in der vergangenen Woche wieder, dass es nicht darauf ankommt, die Welt zu verändern, sondern die Bezeichnungen, die wir den Dingen geben. Sankt Hubertus, der SchutzHEILige der Jäger und nun auch der Rentner, hat mit der „Respektrente“ und der „Gerechtigkeitsrente“ gleich zwei neue Frames zur Lenkung der Debatte erfunden, die uns höchsten Respekt abnötigen.

          Denn das sind ja nicht die ersten Euphemismen, die verschleiern sollen, dass die gute alte Einfachrente nicht mehr sicher ist. Es gab auch schon die Zuschussrente, die Lebensleistungsrente, die solidarische Lebensleistungsrente und die gesetzliche Solidarrente – also fast mehr rentenpolitische Worthülsen als Beitragszahler.

          Und wie viel hat Peter Hartz der SPD gespendet, damit sie künftig nur noch als Schöpferin des „Bürgergeldes“ gelten will? Wirklich gerecht ginge es nur zu, wenn Hartz IV in „Schrödergeld“ umbenannt würde. Allerdings bestünde dann die Gefahr, dass die Empfänger glaubten, die Knete komme ohne Bedarfsprüfung direkt aus dem Kreml, was Putins Popularität in Deutschland in noch größere Höhen katapultierte.

          Der Kremlherr ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass einem talentierten Framer keine Grenzen gesetzt sind, ob es um die Neubesetzung von Begriffen geht oder von Gebieten. Auf den Ausgang der Partie Raketenschach, die Putin und Trump begonnen haben, darf man also gespannt sein. Sicherheitshalber sollte der amerikanische Sicherheitsberater seinem Präsidenten noch einmal den Streifen „Who Framed Roger Rabbit“ vorführen. Der würde ihn daran erinnern, dass „to frame“ nicht nur „einrahmen“ bedeuten kann, sondern auch „reinlegen“.

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