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Fraktur : Sind Sie Sofa-Pazifist oder Balkon-Bellizist?

Nix Dreifaltigkeit, auch nix Dreigestirn. Mose muss Haltung bewahren Bild: Mauritius

Solange wir hier von Husum bis Holzheim Haltung bewahren, kann in Charkiw oder Odessa gar nichts schief gehen.

          2 Min.

          Der Sinnlosigkeit der Welt und der eigenen Existenz versucht der Mensch zu entfliehen, indem er einen Zusammenhang zwischen beidem konstruiert. Zum Beispiel der Autor dieser Zeilen, der, wie aufmerksame Leser sicher wissen, zwei Monate in Elternzeit war. Ausgerechnet am 23. Februar, seinem bis dato letzten Arbeitstag als Bayern-Korrespondent, berief Markus Söder einen neuen CSU-Generalsekretär – kaum war der Korrespondent wieder im Dienst, trat der Generalsekretär zurück. Doch damit nicht genug: Der erste Tag seiner Absenz, der 24. Februar, war der Tag von Putins Angriff auf die Ukraine. Und am Tag, als er sein Comeback feierte, gewann Macron die Stichwahl in Frankreich und gab so Europa die Hoffnung zurück. Mag man da noch an Zufälle glauben?

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Uns kam jedenfalls sogleich das Buch Exodus in den Sinn. Wie die Israeliten, quasi die Ukrainer des Altertums, von den Amalekitern, die man sich als russenähnlich vorstellen darf, angegriffen wurden. Während sich unten die Soldaten die Köpfe einschlugen, stieg Mose auf einen Hügel. Solange er den Arm hochhielt, waren die Israeliten im Vorteil, doch immer, wenn er seinen Arm sinken ließ, gewannen die Amalekiter die Oberhand. Mancher AfD-Anhänger, der auch schon mal probiert hat, einen Arm von sich zu strecken, weiß, wie anstrengend das ist – es ist aber doch nichts im Vergleich zu dem, was auf dem Schlachtfeld abgeht.

          Der Mose unserer Tage heißt Deutschland. Solange wir hier von Husum bis Holzheim Haltung bewahren, kann in Charkiw oder Odessa gar nichts schiefgehen. Doch lassen wir nach, denken an die hohen Benzinpreise oder an SUVs mit ukrainischen Kennzeichen auf deutschen Autobahnen, dann ist Putin auf der Siegerstraße. Anders als Mose stehen wir aber nicht auf einem Hügel, sondern liegen auf dem Sofa oder in der Hängematte auf dem Balkon. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler, deren Doktorarbeit („Der Wille zur Lust“) übrigens wesentlich ansprechender ist als die des neuen CSU-General­sekretärs, hat dazu die passenden Begriffe eingespeist: Sofa-Pazifismus und Balkon-Bellizismus.

          Im Grunde versteht man ja beide Seiten. Sie wollen eben irgendetwas tun, für die Welt, aber auch für sich. Beides ist ja immer weniger vonein­ander zu trennen. Schon Corona und die Debatten darüber haben aus mancher Wohnung Kriegsgebiet gemacht. Neue Möbel werden inzwischen vor allem danach ausgesucht, wie gut man sich hinter ihnen verschanzen kann. Der Krieg in der Ukraine hat das noch verschärft. Was tun, um wenigstens die eigene Familie zu retten? Verteidigungsministerin Chris­tine Lambrecht hat es vorgemacht, indem sie, in Fortführung der Familienoffensive von Ursula von der Leyen, ihren Sohn im immerhin flugbereiten Heli der Flugbereitschaft mitnahm. Ist das einfach nur dreist – oder gerade in der Dreistigkeit ein Zeichen der Solidarität mit dem viel kritisierten ukrainischen Botschafter?

          Wir, die wir keinen Heli haben, müssen uns jedenfalls mit anderen Mitteln gegen den Krieg wappnen. Frieren für den Frieden ist nichts – da holt man sich noch eine Erkältung. Kalt duschen wird aber sehr empfohlen, um die eigene Resilienz zu stärken und so mit dem Unbill der Welt besser klarzukommen. Zu diesem Zweck wurde im ZDF-Morgenmagazin jüngst angeraten, einfach mal aufzuräumen: auf dem Balkon, im Wohnzimmer, überhaupt im Privatleben.

          Wie sieht es da etwa bei Svenja Flaßpöhler aus? Wie bei Marie-Agnes Strack-Zimmermann, von Flaßpöhler als Balkon-Bellizistin ausgemacht? Nach dem, was wir jüngst über das Privatleben des zurückgetretenen CSU-Generals erfahren haben, wollen wir es gar nicht wissen. Uns reicht, was ein alter Geheimrat zu dem für den Ukraine-Krieg zumindest mitverantwortlichen Terrassen-Bellizisten und Rotlichtfreund (Stichwort „Wille zur Lust“) Carl Schmitt, über den wir nach bestem Wissen und Gewissen immerhin eine Magisterarbeit ge­schrieben haben, gesagt haben soll: „Ich habe . . . keinen Menschen kennengelernt, der mehr Ordnung in seinen Gedanken und Begriffen hatte als Sie, aber auch keinen, der mehr Unordnung und Durcheinander in seinem Privatleben gehabt hätte.“ 

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