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Beißende Ironie: Auch Palmer will sich auf die Hinterbeine stellen. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Nur linke Satire darf alles

Beißende Ironie: Von Markus Söder könnte Boris Palmer lernen, wie man das richtig macht.

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          Hat es schon einmal eine solche Kettenreaktion gegeben wie in der vergangenen Woche? Wir meinen nicht die letzten Zuckungen unserer Kernkraftwerke, sondern den rhetorischen Kontrollverlust, der bei einem früheren Nationaltorwart begann, dann einen weiteren ehemaligen Fußballer erfasste und schließlich mit der Kernschmelze im Schnellen Brüter von Tübingen endete.Nicht mitbekommen? Dann haben Sie wohl mit den sogenannten sozialen Medien nicht viel am Hut und gehören auch nicht zu den regelmäßigen Lesern der Bild-Zeitung.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Für Sie kurz rekapituliert: Jens Lehmann hatte angeblich versehentlich an Dennis Aogo, beide jetzt auch nicht mehr Fernsehmoderatoren, eine Nachricht mit der Frage geschickt „Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer?“. Dieser sagte wenige Tage später vor laufender Kamera, eine Mannschaft trainiere „bis zum Vergasen“. Danach meinte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, Aogo mit der Äußerung verteidigen zu müssen: „der aogo ist ein schlimmer Rassist. Hat Frauen seinen **** angeboten.“ Den aus dem N-Wort und einer vulgären Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil zusammengesetzten Begriff wollen wir Ihnen hier nicht zumuten; selbst die Bild-Zeitung veröffentlichte nur die weniger schlimme Hälfte des Wortes, also die mit dem Geschlechtsteil.

          Sarrazins Warnung hilft Palmer nicht

          Der Tweet soll zwar nur ein Zitat und, wie Palmer betonte, vor allem ein „erkennbar völlig grotesker und irrer Rassismusvorwurf“ gewesen sein. Doch den Grünen, die schon lange unter Palmers Humor leiden, war das endgültig zu grotesk und zu irre, weswegen seine Partei ihn ausschließen will. Die grüne Kanzlerkandidatin Baerbock urteilte, auch Palmers nachträgliche Berufung auf Ironie mache den Vorgang nicht ungeschehen.

          Moment mal! Galt bisher nicht, Satire dürfe alles? Ja, aber natürlich nur linke Satire. Und das ist Palmers wachsendes Problem. Deswegen wird es ihm auch gar nicht helfen, dass ausgerechnet Thilo Sarrazin die Grünen davor warnte, Palmer auszuschließen – das schade der Partei. Das ehemalige Enfant terrible der SPD sorgt sich um die Grünen? Wohl eher um sein Alleinstellungsmerkmal als Märtyrer des größtmöglichen Meinungsspektrums. Denn auch Palmer will sich auf die Hinterbeine stellen und im Parteiausschlussverfahren gegen die um sich greifende „Cancel Culture“ kämpfen – als „letzten Dienst, den ich meiner Partei tun kann“. Schon Palmers vorletzter Dienst – den Sinn seiner Parteifreunde und -freundinnen für Satire zu schärfen – ging freilich wie gesehen krachend in jene Hose, in die er so tief gegriffen hatte.

          Ja, mit der Ironie ist es so eine Sache. Nicht umsonst bekommt man auch als Journalist schon im Volontariat zu hören: Ironie – nie! Nicht jeder beherrscht, nicht jeder versteht sie. Kluge Politiker unterdrücken daher mit aller Gewalt die Neigung zur Ironisierung, selbst wenn vorhanden. Umso mehr fällt es auf, wenn die Ironie aus einem Politiker geradezu herausbricht, was auch in subtilerer Form als im Falle Palmers geschehen kann. Söders anhaltende Spitzen gegen Laschet und nun auch gegen Merz sind da wirklich von viel feinerer Qualität. Vom CSU-Chef könnte Palmer noch viel lernen, insbesondere weil beide wohl die Überzeugung teilen, deutlich mehr auf dem Kasten zu haben als jene, die nun um den Einzug ins Kanzleramt wetteifern dürfen.

          Ein Ventil für den Überdruck

          Wir verstehen nur zu gut, dass es da ein Ventil braucht, über das der innere Überdruck entweichen kann. Eben auch in Form von Anmerkungen, die das Gegenteil meinen, wie etwa Söders Loblied auf Merzens hilfreiche politische Erfahrungen aus den neunziger Jahren. Der Titel „Die neue Wunderwaffe der CDU“, den Söders Friendly-Fire-Spezialist Blume Merz verlieh, versetzte den Geehrten sogar noch weiter zurück in unsere Vergangenheit. Ein Wunder, dass nach diesem Vergleich mit V1 und V2 kein Shitstorm über die CSU hereinbrach. Freilich war die Republik da auch noch vollauf mit dem Freisler-Skandal beschäftigt.

          Söder selbst ist allerdings nicht der geringste Vorwurf zu machen. Bei ihm muss man, worauf er ja auch Wert legt, wirklich auf jedes Wort achten. Und versprochen hatte er nur, das Team Laschet ohne Groll zu unterstützen. Von einem Verzicht auf beißende Ironie ist nie die Rede gewesen.

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