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Fraktur: Stilnoten in der Krise : Drosten ist der Schönste

Welchem Experten vertrauen Sie am meisten?, fragte die „Bild“-Zeitung. Der Virologe Christian Drosten ist die klare Nummer eins. Bild: dpa

Die jüngere Rezeptionsgeschichte von Corona zeigt: Selbst Virologen werden letztlich nach ihrem Aussehen bewertet.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          In der Corona-Krise wird ja selbst von Fachleuten immer wieder hervorgehoben, dass sie gerade erst dabei seien, das Virus „kennenzulernen“. Selbst wenn das bloß eine Hypothese sein sollte, dann wird sie doch beinahe täglich verifiziert durch neue Ratschläge der Experten, die denen von vor ein paar Tagen diametral entgegenstehen. Für uns Laien kann man da nur bekräftigen, was kürzlich der Philosoph Jürgen Habermas, der ja in Starnberg, dem deutschen Corona-Kreis 0, denkt, geäußert hat: „So viel Wissen über unser Nichtwissen . . . gab es noch nie.“ Anders ausgedrückt: Wir haben keine Ahnung, aber davon ziemlich viel.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Das Beruhigende ist, dass das nicht so neu ist, schon gar nicht bei der Bewertung von Politik. Manche finden zum Beispiel Daniel Günther gut, ohne auch nur einen blassen Schimmer zu haben, was er da in Niedersachsen oder wo auch immer genau macht. Aber er lacht manchmal so süß. Und Angela Merkel mag man spätestens jetzt, weil sie in diesem Film so sympathisch rüberkam.

          Das Aussehen ist zentral

          Markus Söder hat gesagt, es gehe in der Krise nicht um Stilnoten. Aber das stimmt nicht. Der Mensch reagiert doch immer nur auf das Offensichtlichste. Das ist wie beim Eiskunstlauf. Weil außer dem CSU-Generalsekretär Markus Blume, einem früheren Eistänzer, kein Mensch den Unterschied zwischen einem dreifachen Axel und einen dreifachen Lutz kennt, geht man nach dem „künstlerischen Ausdruck“. Vulgo: nach dem Aussehen. Man erinnere sich noch an den Krieg zwischen Nancy Kerrigan und Tonya Harding, zwischen der „Schönen“ und dem „Biest“. Seinerzeit interessierten sich plötzlich alle für Eiskunstlauf – so wie jetzt für Virologie.

          Auch dabei ist das Aussehen zentral. Das zeigt Bayern, wo es bereits „Volksmasken“ in Dirndloptik gibt. Das zeigt aber auch die jüngste Rezeptionsgeschichte der Virologie, genauer: der Virologen. Die „Bild“-Zeitung war so freundlich, ein Ranking zur Sache zu erstellen. Vordergründig ging es dabei um die Frage: „Welchem Experten vertrauen Sie am meisten?“ Aber, siehe Habermas: Worauf sollten wir dieses Urteil gründen? Letztlich geht es also auch hier darum, welcher Experte am besten aussieht – oder wenigstens am sympathischsten.

          Wir haben in dem privaten Kreis, mit dem wir in Zeiten von Corona noch in ein und denselben Aufzug steigen dürfen, eine Gruppe samt Kontrollgruppe gebildet, deren Repräsentativität nicht weit von derjenigen der Heinsberg-Studie entfernt liegen dürfte. Und siehe da: Der Befund der „Bild“-Zeitung wurde bestätigt. Christian Drosten ist die klare Nummer eins, gerade unter Frauen. Ein bisschen mag dabei der Klang seines Namens eine Rolle gespielt haben – irgendwo zwischen Wiglaf Droste und Trösten –, aber eben auch sein Blick, der hoffentlich nie auf diese Zeilen fallen wird, denn Drosten würde sie garantiert für absolut sachfremd halten.

          Wer hat ein Kanzlergesicht?

          Was für den Wettstreit der Wissenschaftler gilt, trifft natürlich umso mehr auf das Rennen um die Kanzlerkandidatur zu. Ein kundiger Kollege wies jüngst darauf hin, dass Norbert Röttgen ein Kanzlergesicht habe. Das könnte zumindest für 15 Prozent auf einem Parteitag reichen. Im Fall Söders gibt es im politischen Berlin erstaunlich viele, die seine Kanzlerambitionen aus dem Grad der Geputztheit seiner Schuhe bei „Anne Will“ deduzieren.

          Und Armin Laschet? Über dessen Äußeres hört man durch die Volksmasken sehr viel, sehr viel Unterschiedliches. Um zu sehen, was in ihm stecken könnte, lohnt ein Blick auf das Instagram-Profil seines Sohnes – der ist Model für Herrenmode und Doppelgänger von Ryan Gosling.

          Mehrere Kollegen und Kolleginnen haben zuletzt völlig zu Recht beklagt, dass es in der Krise überall wieder nur um Männer gehe, während sich die Frauen in stiller Wut zwischen Homeschooling und Homeoffice aufopferten. Wir hätten in dieser Kolumne sehr gerne mehr über Frauen geschrieben. Auch bei denen geht’s ja im Grunde ums Aussehen.

          Hat zumindest Justizministerin Christine Lambrecht im Interview mit der F.A.Z. mal angedeutet. „Ich erhalte unglaubliche Rückmeldungen, zum Beispiel über meine Nägel, meine Frisur oder Schuhe.“ Dabei sei die Länge ihrer Nägel im politischen Zusammenhang „völlig egal“. Da sie sich hier selbst widerspricht, wollen wir es nicht tun. Nur so viel: Es gibt eine Studie, die zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Müsste mal von „Storymachine“ aufbereitet werden.

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