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Vermisst Olaf Scholz Angela Merkel? Das wüssten wir auch gern Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Was wir Scholz gerne geglaubt hätten

Doch offenbar ist auch der Kanzler ein Freund der Ironie. Deshalb blieb auf der Sommerpressekonferenz die wichtigste Frage offen.

          2 Min.

          Es ist unverkennbar, dass die andauernde Hitze nicht nur im Rhein für Niedrigwasser sorgt, sondern auch in den Hirnen mancher Menschen. Im Straßenverkehr benehmen sich vor allem erhöht sitzende Teilnehmer mit getönten Scheiben, als müssten sie im Rennen um die letzte verfügbare Wärmepumpe die Konkurrenten rechts und links aus dem Weg räumen. Andere Zeitgenossen werden bei diesen Temperaturen nicht aggressiv, sondern depressiv, wieder andere erfreulich expressiv. Herausragende Beispiele dafür waren zuletzt der Bundeskanzler und Erika Steinbach.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Ladys first: Die ehemalige CDU-Abgeordnete und Vertriebenen-Präsidentin brachte sich auf Facebook mit einem spektakulären Selbstbildnis in Erinnerung, das sie auf ihrem Heimattrainer zeigt – nur mit einem Bikini bekleidet. Die Neunundsiebzigjährige wollte damit belegen, dass sie weder zu Hause noch im Schwimmbad eine Burka trage, was wir bei einem AfD-Mitglied auch nicht unbedingt erwartet hätten.

          Der Fall Erika Steinbach: Die Burka nicht doch besser als der Bikini?

          Lästermäuler werden sagen, in diesem Fall wäre jede Burka eine bessere Wahl gewesen als der Bikini. Uns erinnert das von der „Bild“-Zeitung nachgedruckte Foto – obwohl die ja keine Pin-ups mehr bringen wollte – aber an den Satz einer anderen Großmutter, nämlich unserer, wonach einen schönen Menschen nichts entstelle, also auch das nicht, was er nicht anhat. Und Steinbach sah ja sogar in der schwarzen SS-Uniform gut aus, die ihr vor Jahren einmal eine polnische Postille angezogen hatte, was selbstredend eine ungleich größere Anzüglichkeit war.

          So freizügig wie die Vorsitzende der Desiderius-Erasmus-Stiftung konnte Scholz bei seiner ersten Sommerpressekonferenz nicht auftreten. Ein Bundeskanzler in Badehose, da hätte es doch gleich wieder geheißen, der Mann bade gerne lau. Andererseits hätte er damit anschaulicher als mit seinen vielen Worten machen können, dass man einem nackten Mann (einmal Finanzminister, immer Finanzminister) nicht in die Tasche greifen kann, was die SPD-Linken ja immer noch versuchen.

          Der Kompromiss bestand dann in einem offenen Hemd. Auch im Verlauf der Befragung gab Scholz sich nicht ganz so zugeknöpft wie bei anderen Gelegenheiten. Einsilbig antwortete er unserer Zählung nach nur zweimal. Das unterließ er sogar bei der letzten Frage, von der man schon befürchtet hatte, dass sie nicht mehr gestellt werden würde, obwohl sie doch mindestens so wichtig war wie die nach dem drohenden Volksaufstand: Ob er, Scholz, Merkel vermisse?

          Der Kanzler entkam mit einer scholzomonischen Antwort

          Was sagt man da bloß? Die glatte Verneinung wäre einem, der dauernd mehr Respekt fordert, bestimmt verübelt worden. Das Eingeständnis, dass Merkel ihm fehle, hätte andererseits zu einer Verschärfung der Koalitionskrise geführt. Auch dieser raffinierten Fragenfalle entkam der Kanzler mit einer scholzomonischen Antwort: Er telefoniere gern mit Merkel – aber er sei jetzt auch gern Bundeskanzler.

          Beides klang so plausibel, dass man es ihm gern ohne weiteres Nachdenken abgenommen hätte. Doch hatte der Kanzler zuvor auch gesagt, dass er gern vor dem Untersuchungsausschuss in Hamburg noch einmal viele Stunden lang das zum Cum-ex-Skandal sagen werde, was er schon viele Stunden lang gesagt habe, nämlich, dass es dazu nichts mehr zu sagen gebe.

          Vielleicht macht Angela Olaf am Telefon zur Minna

          Scholz wäre demnach der erste uns bekannte Politiker, der freudig bei so einem Verhör über sein schlechtes Gedächtnis spricht.Da ist doch eher zu vermuten, dass der Einsatz des Adverbs „gern“ bei Scholz ein Indiz für Ironie ist. Das hieße dann allerdings auch, dass er in Wahrheit nicht gern die Fragen der Journalisten beantwortete (wie eingangs bekundet), dass er nicht gern mit Merkel telefoniert (wer weiß, wie sie ihn dabei herunterputzt) und dass er auch nicht gern Kanzler ist.

          Letzteres können wir trotz der vielen Krisen, die Scholz an der Backe hat, nicht recht glauben. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass seine Botschaften manchmal mehrdeutiger ausfallen als die seiner Vorgängerin. Auch Scholzens Bekenntnis „Ich bin Mensch“ gibt uns immer noch zu denken: Muss man einen derart bescheidenen Kanzler nicht einfach gernhaben?

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