https://www.faz.net/-gpf-a2brk

Ob Bär, Tiger oder Trump: Der Gefahr mit Wumms ins Auge geblickt. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Scholz und Vorurteil

Unerwartete Wendungen: SPD nominiert Hartz-IV-Verbrecher. Und Putin lässt nicht sich impfen.

          2 Min.

          Unverhofft kommt oft, sagt der Volksmund. Recht hat er! Schon wieder müssen wir uns mit der SPD beschäftigen, obwohl wir wirklich gehofft hatten, ein lustigeres Thema behandeln zu können. Doch bei den Sozialdemokraten gab es eine „unerwartete Wendung“, wie die SPD-Vorsitzende Esken sagte. Unerwartet für die allermeisten Genossinnen und Genossen – aber nicht für jene, die gleicher sind als die anderen. Für Esken, ihren Zweitvorsitzenden Walter-Borjans und weitere Führungskader war der faustische Pakt mit Scholz keine Überraschung mehr. Denn sie hatten den Gottseibeiuns der Parteilinken schon Wochen vorher höchstpersönlich auf den Kandidaten-Schild gehoben, bei einem netten Essen beim Franzosen.

          Einfache Parteisoldaten, die sich noch daran erinnerten, dass Esken im Kampf um den Parteivorsitz starke Zweifel an Scholzens sozialdemokratischer Gesinnung erkennen ließ, hatten an dieser Wendung ganz schön zu kauen. Weil Scholz aus Sicht vieler SPDler zu den Hartz-IV-Verbrechern gehörte, schmierte er auch in der Mitgliederbefragung ab. Und dieser Neoliberale, der nun plötzlich „ein echter Sozialdemokrat“ ist und „den Kanzler-Wumms“ hat (alles Esken), soll das angestrebte Linksbündnis anführen?

          Das kann nur der nicht verstehen, der glaubt, die Ernennung zum Kanzlerkandidaten der SPD sei so etwas wie eine Ehre, Belohnung oder gar Beförderung. Dass sie all das natürlich nicht ist, könnten alle Vorgänger Scholzens bezeugen, auch jene, die Kanzler wurden und waren, bis ihre Partei sie erledigte. Selbst Schulz wird ja jetzt Mitleid mit Scholz haben. Und vielleicht sogar Nahles. Aber bei einer solch ernsten Angelegenheit sollte man nicht bei Vorurteilen stehenbleiben.

          Das gilt auch für die zweite unerwartete Wendung der Woche, die darin bestand, dass Putin den russischen Wunderimpfstoff nicht sich injizieren ließ, sondern einer seiner Töchter. Wo Putin doch sonst jeder Gefahr höchstpersönlich mit Wumms ins Auge blickt, ob sie ihm in Gestalt eines Bären, Tigers oder Trumps entgegentritt. Und da kneift er vor so einem Winzling wie dem Corona-Virus?

          Unsinn! Was hätte die Putin-Probe denn beweisen sollen? Dieser kraftstrotzende Naturbursche im Präsidentenpelz verträgt doch sowieso alles. Putin könnte auch Trumps Empfehlung folgen und sich einen Liter Rohrreiniger spritzen lassen, ohne unter Nebenwirkungen zu leiden. Nein, die Verträglichkeit des Impfstoffs musste schon an einem zarteren Geschöpf demonstriert werden. Allerdings wüsste man noch gern, ob die Probandin auch Putins Lieblingstochter war. Das würde den letzten Zweifel an dem Vakzin beseitigen.

          Dass es den Namen Sputnik V bekam, war überhaupt nicht überraschend. Denn „Sputnik“ steht ja für den größten Triumph Moskaus im Systemwettstreit mit dem Westen, auch wenn der schon ein paar Jahre zurückliegt. Freilich wirft die Nummerierung der Impfstoff-Rakete die Frage auf, warum geheim blieb, gegen welche Erreger die Vorgänger Sputnik II bis IV eingesetzt wurden und welche Nebenwirkungen sie hatten. Da müssen wir den Verschwörungstheoretikern wohl noch ein bisschen auf die Sprünge helfen. Wir jedenfalls haben noch nie geglaubt, dass die Sowjetunion einfach so zusammengebrochen ist. Und dass ein Bär wie Boris Jelzin nur so wenig vertragen haben soll.

          Also Vorsicht bei Selbstversuchen in der Politik. Und auch bei der Bewertung. Denn manchmal erfährt man erst Jahrzehnte später, was da wirklich los war. Umweltminister Töpfer etwa sprang 1988 nicht in den Rhein, um dessen Sauberkeit zu demonstrieren, sondern weil er eine Wette verloren hatte. Er trug einen Ganzkörperschutzanzug. Auch der bayerische Umweltminister Dick war ein Jahr zuvor auf Nummer sicher gegangen, als er vor der Presse die Gefahrlosigkeit von verstrahltem Molkepulver beweisen wollte. Er tauchte einen Finger hinein, leckte daran und sagte: „Des tut mir nix.“ Es tat ihm auch nix, denn Dick steckte zwar wirklich einen seiner Finger in die Tschernobyl-Wolken-Molke, schleckte aber einen anderen ab – ohne dass es damals einer der Reporter bemerkte. Hund sans scho, die von der CSU! Überraschend ist aber auch diese Erkenntnis nicht.

          Weitere Themen

          Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus? Video-Seite öffnen

          Luisa Neubauer im Interview : Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus?

          Inmitten steigender Corona-Zahlen geht „Fridays for Future“ nach langer Pandemie-Pause wieder auf die Straße. Warum die Entscheidung für die Streiks gefallen ist und was die die Klimabewegung aus der Corona-Krise mitnehmen will, erzählt die Klima-Aktivistin Luise Neubauer im Video. Das ganze Interview hören Sie im „F.A.Z. Podcast für Deutschland.“

          Das Corona-Labor

          Impfstoff-Tests in Südamerika : Das Corona-Labor

          Die Pandemie trifft Lateinamerika hart. Deshalb ist die Region in den Fokus der Impfforscher gerückt. Für klinische Tests ist es von Vorteil, wenn die Probanden möglichst stark exponiert sind.

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

          3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

          Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.