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Kopf in den Sand: Zur Not tut es aber auch ein Waschzuber. Bild: Zeichnung Wilhelm Busch

FRAKTUR : Der Stolz vom Scholz

Auch wir haben die Schnauze voll von den schlechten Nachrichten. Und lesen in Klausur nur noch Karl May.

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          Sie haben sich doch sicher schon selbst gefragt, warum Sie im Morgengrauen den Stecker des Radioweckers aus der Wand reißen, wenn die Nachrichten kommen; warum Ihnen Ihr teures Tablet nur noch als Schneidbrett für das Suppengemüse dient; und wieso Sie selbst diese Kolumne mit wachsendem Widerwillen lesen. Nach dem Studium mehrerer Fachartikel können wir es Ihnen sagen: Sie leiden an News Fatigue. Die Schonhaltung, die Ihr Körper dieses Erschöpfungszustands halber einnimmt, nennt man News Avoidance. Auf gut Deutsch heißt das: Sie haben die Schnauze voll von den schlechten Nachrichten und stecken den Kopf lieber in den Sand, als sich ihn weiter darüber zu zerbrechen, wohin der Wahn der Welt noch führen soll.

          Verständliche Vogel-Strauß-Strategie

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Das ist für uns Schreiberlinge eine weitere ungute Nachricht. Wovon sollen wir denn leben, wenn Sie unsere Krisenberichterstattung nicht mehr haben wollen? Uns Bleichgesichtern bleibt ja nicht einmal mehr der Ausweg, Indianer­romane zu schreiben. Aber rein menschlich betrachtet können wir Ihre Vogel-Strauß-Strategie gut verstehen. Die Kette der Hiobsbotschaften reißt für keinen von uns ab. Und jedes Mal bekommen wir unsere Hilflosigkeit vorgeführt.

          Den an uns gerichteten Aufruf „Völker, hört die Preissignale!“ hörten wir wohl. Allein: Wie sollen wir die Befehle des Marktes in seinem unergründlichen Ratschluss befolgen, wenn es keine Wärmepumpen, keine Solarzellen und keine Monteure gibt, die sie installieren könnten? Kaum hat man versucht, sich selbst zu helfen und im Baumarkt den letzten Heizlüfter zu erkämpfen, um Gas zu sparen, explodieren auch die Strompreise.

          Diesen Satz hätte der Kanzler sich verkneifen sollen

          Selbst die Debatte über die Entlastung ist zur Belastung geworden. So gesehen muss man dem Kanzler dafür danken, dass er nach der Kabinettsklausur in Meseberg aktive Nachrichtenvermeidung betrieb. Allerdings hätte der Kanzler sich auch noch den Satz verkneifen sollen, mit dem er die versammelte Hauptstadtpresse wie einen Haufen blutiger Amateure aussehen ließ: „Dass Sie davon nicht so viel mitbekommen haben, macht mich professionell stolz.“

          Der Stolz vom Scholz wird nämlich nicht zur Beruhigung der Nachrichtenlage beitragen. Damit kann der Kanzler nur den professionellen Ehrgeiz der Kollegen geweckt haben, die sich sicher nicht noch einmal vor laufenden Kameras sagen lassen wollen, sie hätten nichts mitgekriegt. Das werden auch die anderen Politiker zu spüren bekommen, die sich in diesen Tagen mit ihren Parteifreunden irgendwo in Deutschland eingeschlossen haben. Ob bei den Schwarzen, Grünen, Roten oder Dunkelroten – die Klausur hat Konjunktur.

          Alle tagen sie hinter dicken Mauern und geschlossenen Türen, obwohl sie alle mehr Transparenz versprochen hatten. Doch auch das war vor der Zeitenwende. Seither aber lautet die Devise der Koalitionen und Fraktionen: Bloß nicht zu tiefe Einblicke in unser Innenleben geben, die Bürger haben schon Angst genug.

          Und das stimmt ja auch. Alle Welt will unser Geld, und den kümmerlichen Rest frisst die Inflation. Andererseits vergrößert die Geldentwertung aber auch unsere Möglichkeiten, zum Beispiel, um die Wünsche unserer polnischen Nachbarn zu erfüllen, die so kurz nach dem Krieg 1,3 Billionen Euro als Reparationen von uns verlangen. Das ist zwar ein Freundschaftspreis, wie der ob seiner Deutschfreundlichkeit bekannte Ka­czynski betonte. Aber auch dafür muss eine alte Frau lange stricken. Oder die EZB eben die Gelddruck­maschine auch nachts laufen lassen.

          Bekommen wir Ostpreußen zurück?

          Bekommen wir eigentlich Ostpreußen (und vielleicht sogar Königsberg) zurück, wenn wir zahlen? Den Russen, die sich ganz Ostpolen einverleibt haben, machte Warschau noch keine vergleichbare Rechnung auf. Der Kreml ist allerdings auch nicht dafür bekannt, dass er so freigiebig wäre wie der Zahlmeister der EU.

          So, jetzt haben auch wir genug von den schlechten Nachrichten. Es ist ja auch noch unser Gorbi gestorben. Wir gehen am Wochenende in Klausur und lesen dann nur Karl May. Bei ihm gewinnt am Ende immer das Gute, für das ja sogar Winnetou sein Leben opfert. Das lassen wir uns selbst von den Gutmenschen nicht schlechtmachen.

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