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Fraktur : Versuchskaninchen

Müssen die 16 Jahre Merkel-Regentschaft annulliert werden? Wer hier lacht, hat den Ernst der Lage nicht verstanden und könnte bald ein zweites Mal aus allen Wolken fallen.

          2 Min.

          Donnerwetter, dieser Scholz! Was der SPD-Kanzlerkandidat derzeit auch anpackt, es wird zu Pluspunkten in Umfragen. Selbst eine für die veränderungsresistenten Deutschen sonst wie blanker Horror klingende Vokabel wie „Versuchskaninchen“ schreckt niemanden mehr ab, wie die CDU gerade bitter erfahren muss. Im Gegenteil, der Begriff wird dieser Tage ehrfürchtig, bisweilen spöttisch, aber eben immer wieder zitiert. „Scholz hat Versuchskaninchen gesagt!“ Huuuh. Sogar die Kanzlerin griff das Wort diese Woche im Bundestag auf. Wenn wir alles richtig verstanden haben, wollte Angela Merkel davor warnen, dass 80 Millionen Deutsche zu selbigen würden, sollten Scholz und die SPD künftig tatsächlich die Schalthebel in ihrem bisherigen Büro bedienen.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Just während die Kanzlerin so eindringlich wie noch nie potentielle politische Gefahren illustrierte, stellten die meisten Abgeordneten im Bundestag mit großem Entsetzen fest, dass Merkel – Achtung! – CDU-Mitglied ist. Gibt’s doch gar nicht! Was die Frau sich alles traut. Seitdem tüfteln Parlamentsjuristen, ob die vergangenen 16 Jahre ihrer Regentschaft womöglich annulliert werden und Merkel wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen noch mal antreten muss. Wer jetzt lacht, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Scholz will schließlich Merkel werden, und wieder droht, dass ganz Deutschland aus den Wolken fällt: Scholz ist – Achtung! – SPD-Mitglied. Die Linke rüttelt schon mit ihm an den Stäben des Kanzleramts.

          Umgekehrter Versuchsaufbau

          Dabei wäre die Linke – jedenfalls in ihrer traditionellen Form – immerhin der erfahrenste der dann wohl drei Koalitionspartner, schließlich hat ihr Vorläufer schon 40 Jahre in Berlin regiert, wenn auch nur den Ostteil Landes. Womit wir wieder beim Thema Kaninchen wären, nur diesmal bei den echten. Die wurden seinerzeit, nachdem man ihnen das Fell über die Ohren gezogen hatte, an der Konsum-Ladentheke billiger abgegeben, als sie von Bauern angekauft wurden, woraufhin Letztere bisweilen die Tiere hinten abgaben und anschließend vorne als potentiellen Sonntagsbraten wieder einkauften. Mit Nährstandsmanövern wie diesen wurde die Überlegenheit des Sozialismus bewiesen.

          Irgendwas ging dann allerdings Ende 1989 schief, wodurch 17 Millionen Versuchskaninchen in die Freiheit entkamen, woraufhin ihnen das Fell über die Ohren ... neeeiiin, das natürlich nicht! Doch manche Alt- und Neulinke wundern sich noch heute, wie die DDR überhaupt pleitegehen konnte, betrug doch der Spitzensteuersatz für Unternehmer 98 Prozent. Verrückt, dass trotzdem irgendwann einfach die Staatskasse leer war, und das auch noch vor Einführung des Kommunismus. Der Milch-Titan Theo Müller wiederum versuchte im Kapitalismus einen umgekehrten Versuchsaufbau, indem er ins Ausland floh, um Steuern zu „vermeiden“, für seine Molkerei etwa in Sachsen aber gut 70 Millionen Euro Steuergeld kassierte. Für so viel Cleverness fuhr Ministerpräsident Michael Kretschmer jüngst eigens in die Schweiz, um Müller mit dem Sächsischen Verdienstorden zu danken.

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          Dass man nicht früh genug anfangen kann, Steuergeld zu verteilen, beweisen jüngste Pläne des Berliner Senats. Danach sollen künftig nicht mehr einfach Schulleitungen entscheiden, wofür Haushaltsmittel ausgegeben werden, sondern an Grundschulen auch die Erstklässler. Das leuchtet uns im Sinne der Chancengleichheit zwischen Schulanfängern und Senat sofort ein, schließlich müssen beide erst mal das Einmaleins erlernen. Gut möglich auch, dass bald in Berliner Geburtskliniken Babys selbst entscheiden dürfen, ob sie überhaupt geboren werden wollen und, wenn ja, in welchem Ambiente.

          Wie immer aber ist nicht alles schlecht. Zum Beispiel der Klimawandel. Wie wir dem Fachblatt Trends in Ecology and Evolution entnehmen, verändern bereits heute weltweit Tiere wegen der steigenden Temperaturen ihr Aussehen. Sie bekommen etwa größere oder längere Schnäbel, Beine und Ohren, um ihre Körperwärme besser regulieren zu können. Also das sind doch wirklich mal glänzende Aussichten für alle, die heute noch mühsam und teuer chirurgisch diverse Körperteile auf vermeintlich korrekte Größen pimpen lassen. Die Natur regelt das ganz allein. Und Scholz hat schon wieder recht: Wir alle sind Versuchskaninchen.

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