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Möglichst klarer Einblick: Rauch steigt immer noch nach oben. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Allzu durchsichtig

Ob Gorch Fock oder Vatikan. In Wahrheit wollen die Leute doch gar keine Transparenz.

          Transparenz! Immer heißt es: Transparenz! Alles soll jetzt durchsichtiger werden: die Beziehungen zu China, die Obstnetze im Supermarkt und sogar noch der Vatikan. Gerade im letzteren Fall kann man doch gar nicht alles wissen wollen! Wissen mag Macht sein, doch je mehr wir über manche Zeitgenossen erfahren, desto öfter erscheint uns Nichtwissen als göttliche Gnade. Maß und Mitte sind offenbar vollkommen aus der Mode gekommen. Auch die Anhänger der totalen Transparenz schießen total über das Ziel hinaus: Wenn alles durchsichtig ist, ist ja auch alles unsichtbar. Und was bitte ist dann gewonnen?

          Die Teiltransparenz hilft uns aber auch nicht viel weiter. Denn woher nimmt man dann die Hoffnung, das Wesentliche zu Gesicht zu bekommen und nicht das Unbedeutende? Die volle Wahrheit, nicht die halbe Lüge? Wissen wir, seit man den Bundestagsabgeordneten aufs Haupt schauen kann, was in ihren Köpfen vorgeht? Oder doch nur, wer von unseren Deputierten Schuppen hat oder wieder einmal nachfärben müsste?

          Der Blick durch die gläserne Kuppel verrät ja nicht einmal mehr, wie schlecht es um die Einsatzfähigkeit unserer Bundeswehr steht. Die Abgeordneten dürfen die entsprechenden Berichte nicht mehr im lichtdurchfluteten Plenarsaal lesen, sondern müssen dazu in ein schummriges Hinterzimmer pilgern, die Geheimschutzstelle. Das hat insbesondere bei jenen Oppositionsparteien zu Empörung geführt, die meinen, im Sinne der Entspannung sollte auch Moskau möglichst klare Einblicke in unsere militärischen Unfähigkeiten haben. Diese den Russen zu verschaffen wird jetzt eindeutig aufwendiger.

          Und doch kommt uns diese Heimlichtuerei nur wie ein Ablenkungsmanöver vor. Man muss doch, wie es die Hersteller von Verschwörungstheorien auch in anderen Fällen tun, nur eins und eins zusammenzählen, dann kommt man selbst ohne jedes Wissen zu den richtigen Schlüssen. Also zum Beispiel so: Die „Gorch Fock“ liegt seit Jahren unter intransparenten Planen, aber vollständig entkernt im Trockendock. Die angebliche „Renovierung“ des Kahns soll einen dreistelligen (!) Millionenbetrag kosten. Und plötzlich fordert Annegret Kramp-Karrenbauer ganz nebenbei den Bau eines deutsch-französischen Flugzeugträgers. Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass das reiner Zufall ist! Wo es doch auch noch unverhohlen heißt, die Überholung der Bark laufe auf einen „Neubau“ hinaus. Mit derartigem Tarnen und Täuschen kam auch schon die Schwarze Reichswehr wieder zu Schlachtschiffen. Allerdings scheint die Entwicklung des Solarantriebs für den ersten Träger der Angela-Merkel-Klasse in Schwierigkeiten geraten zu sein. Doch für den Notfall hätte unser neues Flaggschiff ja auch noch Segel.

          Oder nehmen wir den Berliner Flughafen: Der soll nicht in Betrieb gehen können, weil das Volk der Tüftler und Diplom-Ingenieure die BRANDSCHUTZANLAGE nicht hinkriegt? Das ist doch lachhaft! Dass sie unter dem Fußboden installiert wurde, wo Rauch doch immer nach oben steigt, zeigt schon, dass hier etwas im Untergrund vernebelt werden soll. Und was für Schächte könnten das wohl sein, jetzt, da der amerikanische Präsident wieder Mittelstreckenraketen aufstellen will?

          Das kommt Ihnen dann doch etwas an Trumps Haaren herbeigezogen vor? Also, wir haben zuletzt weit abenteuerlichere Deutungen des Zeitgeschehens gelesen. Heutzutage werden in manchen Kreisen Behauptungen offenbar umso begieriger geglaubt, je absurder sie sind. Auch das sagt uns doch, dass die Leute in Wahrheit gar keine Transparenz wollen. Denn wenn alles offen zutage läge, wäre es ja vorbei mit neuen schaurigen Verschwörungsgeschichten zur ewigen Frage, wer wen warum und so weiter. Wie aber sollte der Wutbürger ohne sie zum Transpirieren gebracht werden? Und wovon sollten dann jene leben, die das zu ihrem allzu durchsichtigen Geschäftsmodell gemacht haben?

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