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Ist im Kampf gegen das Virus der Volkssturm die letzte Hoffnung? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Muss jetzt der Volkssturm ran?

Die Ministerpräsidenten waren im Kampf gegen das Virus zu unentschlossen. Vielleicht helfen Trumps Tropfen.

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          Es kommt nicht häufig vor, dass die Politik das Volk bittet, etwas zu erledigen, woran sie selbst gescheitert ist. Denn erstens glauben jedenfalls einige Politiker, sie seien klüger und fähiger als die meisten ihrer Wähler, auch wenn sie das natürlich nicht öffentlich sagen. Sie würden sich damit ja selbst widerlegen. Den Arbeitgeber als dumm zu bezeichnen ist schließlich auch und gerade dann kein besonders kluger Zug, wenn die Diagnose stimmt. Und zweitens könnte das Volk sich fragen, wozu es diese vielen Regierungschefs, Minister und Staatssekretäre im Bund und in den Ländern denn bezahlt, wenn die, kaum dass es einmal schwierig wird, zu ihm sagen: Wir schaffen das – nicht. Mach’s doch bitte selbst.

          Die Not muss also groß sein, wenn die Politik keinen anderen Ausweg mehr weiß, als das Volk an seine Souveränität zu erinnern. Ein solcher Notstand trat auf dem Corona-Gipfel im Kanzleramt ein, was wohl der tiefere Grund dafür war, dass er „historisch“ genannt wurde. Weil selbst so harte Typen wie Armin Laschet „nicht hart genug (waren), um das Unheil von uns abzuwenden“, wie die Kanzlerin zu den beschlossenen Maßnahmen gesagt haben soll, rief am nächsten Morgen der Kanzleramtsminister quasi das ganze Volk zu den Waffen: „Wir müssen im Grunde genommen alle mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten gestern beschlossen haben.“

          Sind wir im Kampf gegen das Virus schon so in die Defensive gedrängt worden, dass unsere letzte Hoffnung und Verteidigungslinie der Volkssturm ist? Gott sei Dank noch nicht. Aber das einfache Volk könnte den renitenten Länderchefs schon einmal vorführen, dass sie nur auf die Chefin zu hören brauchen, um das Unheil abzuwenden.

          Einer der Ministerpräsidenten hat diese Lektion freilich nicht mehr nötig, auch wenn man das bis vor einiger Zeit am wenigsten von ihm erwartet hätte: der bayerische. Söder ist mindestens so besorgt wie Merkel. Eben so, wie man als Kanzler besorgt sein müsste. Doch dann diese Hiobsbotschaft: Im Kampf um das Beherbergungsverbot soll Söder nach langem Schweigen gesagt haben, er sei „unentschlossen“. Unentschlossen! Söder! Das kann eigentlich nur üble Nachrede sein. Söder war nicht mehr unentschlossen, seit er zum Vorsitzenden des CSU-Kreisverbandes Nürnberg-West gewählt wurde. Das können zahllose zahnlose Parteifreunde bestätigen. Einen entschlosseneren Kämpfer in eigener Sache hatte die Partei nie.

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          Aber was, wenn Söder das wirklich so gesagt hätte? Und auch noch gedacht? Dann wäre es schon fünf, ach was: sechs nach zwölf. Wenn Söder im Clinch mit dem Virus ins Grübeln kommt, dann ist die Nährlösung in der Petrischale am Dampfen. Das würde die sich nach Führungsstärke sehnenden Deutschen doch so in Verzweiflung stürzen wie die Anhänger Trumps, wenn der sagte, er wisse nach dem Medikamenten-Cocktail nicht mehr genau, ob er Männlein oder Weiblein sei. Obwohl: Einen echten Trumpisten schreckte auch das Bekenntnis seines Idols nicht ab, in Wahrheit eine Kreuzung aus Echsenmensch und Hillary Clinton zu sein.

          Doch Trump kam ja nicht nachdenklicher aus der Klinik zurück, sondern noch trumpiger. Sollten unsere unentschlossenen Ministerpräsidenten also nicht vielleicht in Washington nachfragen, was genau die dortigen Ärzte Trump verabreicht haben? Sie könnten die Tropfen ja erst einmal stark verdünnt einnehmen. Wenn man sich die Wirkung beim amerikanischen Präsidenten anschaut, sollten im Fall unserer Politiker homöopathische Dosen genügen. Man will ja nicht, dass sie, plötzlich zu allem entschlossen, einen Lockdown beschließen, nach dem für das ganze Land ein Endlager gesucht werden müsste.

          Dann wäre es, woran Spahn zum Glück erinnerte, auch mit Weihnachten Essig, so wie wir es kennen und lieben, und zwar nicht nur in diesem Jahr. Nein, ein Beherbergungsverbot für die Heilige Familie unter unserem Christbaum darf es nicht geben, die hatte schon damals genug Schwierigkeiten! Und ja, Söder hat absolut recht, wenn er sagt, dass das jetzt „die große Bewährungsprobe unserer Generation“ ist. Im Advent auf das Gedränge, das Gebimmel und das Gebräu zu verzichten, das Glühwein genannt wird, ist in der Tat eine harte Prüfung. Aber wenn wir eines Tages alle geimpft sind, können wir die Geburt Christi ja wieder so besinnlich feiern wie eh und je.

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