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Fraktur zum Corona-Krisenmodus : Lachen ist gesund!

Lachen ist gesund: Will die AfD Merkel nun doch behalten? Bild: Philippe Wojazer

Kapriolen der Krisenrhetorik: Will die AfD Merkel nun doch behalten?

          2 Min.

          Wir befinden uns laut Emmanuel Macron ja im „Krieg“, laut Angela Merkel immerhin im „Kampf“. Als guter Bürger fragt man sich da schon, ob es hilfreich ist, an dieser Stelle wie üblich Späßchen zu treiben. Wir haben das gestern lange auf einer größeren Geburtstagsfeier (bei Flaschenbier und unter freiem Himmel) erörtert – und waren dann überzeugt: Was muss, muss.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Denn erstens ist lachen gesund. Zweitens hätte das Virus wirklich auf ganzer Linie gesiegt, wenn wir nun, da wir – anders als nach Terroranschlägen – nicht einmal unseren westlichen Lebensstil (shoppen, saufen, feiern) weiterführen sollen, auch noch das Lachen einstellen müssten. Drittens gehört das Glossenschreiben zum Journalismus, und der Journalismus ist, wie wir seit ein paar Tagen wissen, nicht nur „systemrelevant“, sondern „systemkritisch“, er gehört, wie Markus Söder sagte, zur „kritischen Infrastruktur“.

          Entdeckt die AfD ihre systemstabilisierende Seite?

          Das ist einerseits schön zu wissen, denn dann wird für die Erhaltung unseres Arbeitsplatzes getan, „whatever it takes“. Andererseits ist es auch ulkig. Noch bis vor Kurzem wäre das Wort systemkritisch so verstanden worden, dass der, der damit bezeichnet wird, Kritik am System übt. Wie die AfD am System Merkel. Oder die Antifa am kapitalistischen Schweinesystem.

          Es war die Taktik der RAF, dem Staat durch destabilisierende Maßnahmen die Maske herunterzureißen, auf dass er seine autoritäre Fratze enthülle. Konsequenterweise müssten die Linken nun also Massenswingerpartys feiern. Stattdessen fordern sie die Regierung zu härterem Durchgreifen auf – oder tragen dieses zumindest mit. Auch in der AfD scheinen manche ihre systemstabilisierende Seite entdeckt zu haben.

          Statt sich am Ausnahmezustand zu berauschen, auf den sie hingearbeitet und sich mit kiloweise Dosenwurst vorbereitet haben, sagte nun der Chef der bayerischen Landtagsfraktion, Ingo Hahn, „unsere vollumfängliche Hilfe“ zu. Er fügte allen Ernstes an, man sei sich einig, dass man irgendwann wieder zu dem Zustand zurückkehren wolle, „den wir Anfang des Jahres 2020 hatten“. War das nicht die Zeit, in der auch schon Merkel regierte? Muss die jetzt doch nicht mehr weg?

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          Eine Krise von solch epischem Ausmaß erfordert nicht nur die richtigen Taten, sondern auch die richtigen Worte. Der Ernst der Lage muss gerade so eindringlich gemacht werden, dass die Aldi-Verkäuferinnen besorgt genug sind, damit sie für den Feierabend nicht noch zur geheimen Thermomix-Party einladen, aber nicht so demoralisiert, dass sie am nächsten Tag nicht mehr an der Kasse sitzen können. Diesem Zweck dient auch die Danksagung an all jene, „denen zu selten gedankt wird“ (Merkel).

          Zentral für unsere führenden Politiker ist auch, an alle anderen Parteien und Bundesländer zu appellieren, dass jetzt nicht die Zeit sei für Streit oder auch nur Wettbewerb. So lässt sich Kritik elegant im Keim ersticken. Andererseits muss man immer wieder diskret aufblitzen lassen, dass das eigene Bundesland und die eigene Partei in der Krisenbewältigung selbstverständlich wieder mal ganz vorne dabei sind. Bayern und die CSU sind auch da wieder mal ganz vorne dabei.

          Das Paradoxon ist das Mittel der Stunde

          Nicht zuletzt muss man Formulierungen finden, die nicht zu gesucht klingen – sonst vermittelt man den Eindruck, man habe in dieser existentiellen Lage nichts anderes zu tun, als nach schönen Formulierungen zu suchen. Andererseits müssen die Worte schon plastisch genug sein, damit Schüler, wenn die churchilleske Rede dereinst Abiturstoff ist, darin irgendwelche sprachlichen Mittel zum Analysieren finden.

          Das sprachliche Mittel der Stunde ist das Paradoxon, das mit der Dialektik von Nähe und Abstand spielt. Drei Beispiele unter vielen: „Rücken wir zusammen, indem wir Abstand halten.“ (Ilse Aigner, CSU) „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge.“ (Angela Merkel, CDU) „Halten wir also räumlichen Abstand und halten wir so zusammen.“ (Katharina Schulze, Grüne)

          Der Autor dieser Zeilen hat einst über Julia Klöckner geschrieben, ihr Trick sei es, Nähe zu anderen herzustellen, um sie so auf Distanz zu halten. Die Bundesernährungsministerin hat es nun also noch schwerer als wir alle, sich umzustellen. Deswegen zum Schluss unser Appell: Setzen Sie sie durch Hamsterkäufe nicht noch zusätzlich unter Stress – wir brauchen jetzt jeden Einzelnen.

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