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Liegt das Sehnen an den Genen? Selbst dem reinrassigen Hund ist das wurst. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Von den Genen auf das Sehnen

Stammbaumforschung verbietet sich doch! Steckt sie uns Deutschen unausrottbar in den Knochen?

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          Waren das nicht wunderbare Bilder? Merkel und Söder Seit’ an Seit’ im Spiegelsaal von Herrenchiemsee, fast wie Bismarck und Wilhelm in Versailles. Oder eher noch wie Sisi und Franz Joseph in Schönbrunn. Ja, so trägt man einem bayerischen Ministerpräsidenten die Kanzlerkandidatur an – doch nicht beim Müsli in einer Doppelhaushälfte in Wolfratshausen! Das konnte ja nichts werden.

          Selbst die Kanzlerin lernt eben immer noch dazu. Ihren Gesundheitsminister hatte sie, damit er ihr nicht die märchenhafte Show mit Kutsche, Schiff und Schloss stehlen konnte, nach Paris geschickt. Und weil die beiden jetzt ein Paar sind, musste Laschet gleich mit. Das Kandidatenduo dürfte auf dem Platz der Eintracht nicht nur wegen der Hitze gekocht haben. Denn nun ist ja der CSU-Vorsitzende erkennbar Muttis Liebling: Was für ein königlicher Racheakt an der CDU, die Merkel aufs Altenteil schickte! Söder aber blieb, als er vom ihm huldigenden Volk gefragt wurde, ob er nicht doch den Opfergang nach Berlin antreten wolle, cool und geschmeidig wie Softeis. Von Oberbayern bis Oberhausen weiß ja eh schon jeder, dass er Kanzler werden will. Das steckt seit Franz Josef Strauß jeder großen CSU-Gestalt in den Genen.

          Aber halt, hätten wir das überhaupt schreiben dürfen? Von den Genen auf das Sehnen und sogar Handeln zu schließen grenzt ja fast schon an Stammbaumforschung, und die ist in Deutschland tabu, jedenfalls in der Politik und für die Polizei. Letztere wollte bei ihren Ermittlungen zur Partywut der Stuttgarter Eventszene das familiäre Umfeld der jugendlichen Täter ausleuchten, was linke Politiker aufheulen ließ, als stehe die Wiedereinführung des Ariernachweises bevor. Auch Regierungssprecher Seibert sagte, der Begriff der Stammbaumforschung verbiete sich in diesem Zusammenhang; das sei ein historisch belastetes Wort.

          Die Polizei hatte es zwar gar nicht benutzt, aber gewagt, Recherchen zur Herkunft des einen oder anderen Radaubruders anzustellen. Und schon erhob sich ein Shitstorm gegen dieses nachholende „racial profiling“. Nüchtern betrachtet, wäre es aber vielleicht doch gut zu wissen, im Falle welcher Völkerschaften wir uns die größten Vorwürfe machen müssen, bei ihrer Integration versagt zu haben, von der Kolonialzeit bis heute. Das würde uns auch zeigen, auf welche Weltgegenden unser Lieferkettengesetz besondere Rücksicht nehmen sollte.

          Doch entzöge eine solch differenzierte Betrachtungsweise dem Rassismus in unserem Lande den Boden? Bei unserer kriminellen Vergangenheit wohl kaum. Da müssen radikalere Lösungen her. Die gäbe es durchaus: Wenn jedenfalls bei Ausländern der Apfel doch ganz weit vom Stamm fällt und die Herkunft keinen Einfluss auf Denken und Verhalten hat, kann man die Abstammung abschaffen, jedenfalls in den Akten. Ein Federstrich – und es gäbe keinen Straftäter mit Migrationshintergrund mehr. Wäre das nicht wunderbar? Wenigstens Donald Trump müsste die Genialität dieser Lösung erkennen. Nach Eliminierung des Migrationshintergrunds könnte man den Artikel 3 des Grundgesetzes nicht nur um das Wort „Rasse“ kürzen, sondern auch noch um „Abstammung“, „Herkunft“ und „Heimat“.

          Dass der Verfassungskonvent in Herrenchiemsee nicht gleich auf diesen Gedanken kam! Er gab doch auch sonst sein Bestes, um der erblichen, äh erheblichen Anfälligkeit der Deutschen für rassistisches Gedankengut einen Riegel vorzuschieben. Doch der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Aber nicht nur uns Deutschen steckt so manches unausrottbar in den Knochen. Hat etwa jemand eine bessere Erklärung für Trumps Hass auf Deutschland als den Deutschen in seinem Stammbaum?

          Aus all diesen Gründen wäre es doch wünschenswert, wenn der Mensch auf Ahnentafeln so entspannt blicken könnte wie unser Hund auf seine Blutlinie. Ihm ist, jedenfalls bei ausreichender Fütterung, vollkommen wurst, dass er als reinrassig gilt und sich – jedenfalls nach bisheriger Rechts- und Debattenlage – auch noch so nennen lassen darf. Er zeigt, obwohl von vornehmer Erscheinung, selbst im Umgang mit Promenadenmischungen keinerlei Standesdünkel. Den Mischlingen wiederum ist sein klar erkennbarer Migrationshintergrund völlig schnuppe. Friedrich der Große hatte schon recht: Je mehr man von den Menschen sieht, desto lieber hat man seinen Hund.

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