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Deutsche Eroberung: Früher mit dem Panzer, jetzt mit dem Gummiboot Bild: DAVIDS/Sven Darmer

Fraktur : Krasses am Gardasee

Kennt der Kellner die Debatte über kulturelle Aneignung nicht?

          2 Min.

          Tourismus an sich sollte ja verboten werden. Er ist die Fortsetzung des Kolonialismus in Badeschlappen. Besonders problematisch ist es, wenn Deutsche im Urlaub sind. Was sie früher mit Panzern eroberten, erledigen heute ihre Badetücher. Aber es gibt unter ihnen auch welche, die, perfektionistisch, wie die Deutschen nun mal sind, alles richtig machen wollen. Allerdings ist das nicht leicht. Zum Beispiel am Gardasee. Von München aus, das man nicht mehr „die nördlichste Stadt Italiens“ nennen sollte, weil das sehr anmaßend ist, kommt man in vier Stunden mit dem Auto hin. Aus Sicht des Klimas sind das vier Stunden zu viel, aber man will ja, wie früher Lothar Matthäus gesagt hätte, auch mal „eine neue Mentalität“ kennenlernen. Der Gardasee liegt, so viel Einigkeit sollte noch bestehen, in Italien. Dort Urlaub zu machen ist für Deutsche eher zu rechtfertigen als etwa in Namibia, weil auch Italien Kolonialstaat war und zwar keine Nazis hatte, aber immerhin Faschisten. Das heißt nicht, dass es auf italienischer Seite keine Verwundungen gegeben hätte. Selbst ein Lothar Matthäus kam ja dann doch nur, um in die gegnerischen Räume vorzustoßen und zu schießen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Der Rezeptionist im Hotel am Gardasee ist sehr freundlich. Früher hätte man sich gesagt: Okay, andere Länder, andere Sitten, pass ich mich als Deutscher an, bin ich eben auch freundlich. Heute sollte man sich bewusst machen, dass das Bild vom freundlichen Italiener, der wild gestikulierend sagt, „isch abe gar keine Auto, Signorina“, das Stereotyp vom lebenslustigen, aber auch unemanzipierten („Signorina“) Italiener reproduziert, das für Deutsche natürlich sehr bequem ist, weil sie dann nicht an die Ausbeutung der „Gastarbeiter“ denken müssen. Es empfiehlt sich also, dem Rezeptionisten beim Einchecken reserviert zu begegnen.

          Wohin geht man danach zum Essen? Sollte man überhaupt gehen? Es kann jedenfalls nicht sein, dass dauerhaft die eine Hälfte der Welt fürs Essen, die andere fürs Kochen zuständig ist. Aber wenn man es aufgrund von Hunger und fehlender Kochzeile dann doch tut – dann zum Italiener? Das wäre wieder sehr deutsch. Man ist in Italien, also geht man „zum Italiener“, nach dem Motto: Kennste einen Italiener, kennste alle. Tatsächlich ist „zum Italiener gehen“ aber besser als etwa „zum Chinesen“. Italiener essen wie die Deutschen mit Messer, Gabel, Löffel. Wenn man das dann auch am Gardasee macht, kann man wirklich nicht von kultureller Aneignung sprechen. Der Kellner im „Da Bruno“ scheint froh, dass nach der Corona-Flaute wieder Touristen da sind. Seine Hochstimmung ist freilich keine andere als die der schwarzen Frau, die am Ufer des Gardasees sitzt und Touristen anbietet, ihnen die Haare so zu flechten, wie sie selbst sie trägt. Darauf sollte man sich keinesfalls einlassen. Denn es löst nicht nur das Armutsproblem nicht, sondern geht gar nicht. Shirin David, die Rapperin, hat kürzlich wissen lassen, sie verstehe heute, warum Schwarze sauer seien, wenn Weiße zum Beispiel „Corn Rows“ tragen. Aber müsste sie dann nicht auch kritisch ihre angeeigneten Körperformen reflektieren?

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          Schließlich fragt der Kellner allen Ernstes, woher man komme. Kennt er denn nicht die Debatten dazu? Soll man ihn aufklären? Man könnte das sogar auf Deutsch tun. Denn das Krasseste am Gardasee ist: Die Kellner sprechen einen auf Deutsch an, als ob man seinen Personalausweis auf der Stirn kleben hätte. Ihr Deutsch ist in der Regel sehr gut, aber ein bisschen gebrochen. Soll man nun in leicht gebrochenem Deutsch antworten, damit das Gegenüber nicht den Eindruck hat, sein Deutsch sei fehlerhaft? Oder soll man versuchen, auf Hochdeutsch zu antworten, auch wenn man selbst Schwäbisch spricht? Oder gar auf Italienisch, denn ein bisschen was hat man ja auf der Volkshochschule gelernt, damit die Italiener merken, dass man sich auf ihre Kultur einlässt.

          Als wir unser Schnitzel Wiener Art essen, schmettert ein Straßensänger ein italienisches Lied. Manche stimmen ein. Sollen wir auch? Leider ist unser Italienisch nicht gut genug, um zu erkennen, ob es ein faschistisches Lied ist. Sollen wir fragen? Aber wäre das nicht so, als würde man einen Chinesen fragen, ob er kommunistischer Tischtennisprofi sei? Andererseits: Können Italiener überhaupt richtige Faschisten sein? Oder können das nur wir Deutsche?

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