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Noch klimaschonender: Das nächste Mal am besten mit der Kutsche Bild: Wilhelm Busch

Fraktur zu Gretas ICE-Foto : Der Bahn noch dankbar

In Washington wird geputscht. Und über was reden wir? Greta-Gate.

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          Was ist bloß mit unseren Politikern los? Alle schon im Weihnachtsmodus? Bereits nach den ersten Gläsern Glühwein ausgebrannt? Hallo, aufgewacht: In Amerika findet gerade ein Putschversuch statt! In den Vereinigten Staaten, nicht in irgendeiner Bananenrepublik! Die Demokratie ist in ihrem Stammland in Gefahr! Hat denn keiner Trumps Hilferuf gelesen? Der Warschauer Pakt wäre nach einer solchen Depesche sofort einmarschiert, um die Konterrevolution niederzuschlagen. Die Nato aber rührt sich nicht. Und Berlin duckt sich weg, wie immer. Man müsse gerade dringend den Preis für die Tonne Kohlendioxid neu festlegen, hieß es.

          Das hätte man auch noch im neuen Jahr erledigen oder, noch besser, dem Markt überlassen können. Aber dann gab es da ja noch diesen anderen Vorgang, der den Staatsstreich in Washington vollkommen überstrahlte, jedenfalls in Deutschland. In seinem Zentrum stand die einzige Person, die Trump jederzeit die Schau stehlen kann: Greta Thunberg.

          Auf dem Teppich geblieben

          Sie hatte bei ihrer Weltumseglung zur Rettung des Klimas auch auf die Dienste der Deutschen Bahn zurückgegriffen, wohl wegen Niedrigwassers in der Nordsee. Und dabei ein Foto veröffentlicht, das sie sinnierend und sitzend in einem Zug zeigt, allerdings nicht auf dem dafür vorgesehenen Gestühl. Greta war, wegen Überfüllung, auf dem Teppich geblieben, was nun in der Tat eine berichtenswerte Nachricht darstellte.

          Die Bahn, die neuerdings den Ehrentitel „Klimaretter“ trägt, zeigte sich dennoch beleidigt, weil Greta nach Fertigstellung der Aufnahme, deren Komposition noch Generationen von Fotografen inspirieren wird, in der 1. Klasse weiterfahren durfte, darüber zunächst aber kein Wort verlor, wie auch nicht über die Premiumbetreuung durch das Bordpersonal. Immerhin haben aber wir nun eine Ahnung, welche Zelebritäten die Schienen-Saftschubsen umschwänzeln, wenn sie sich stundenlang nicht beim Proletariat in der 2. Klasse blicken lassen.

          Das Twitter-Gewitter rief die Politik auf den Plan

          Auch die Frage, ob Greta schon in Kassel oder doch erst in Göttingen klimaneutral auf die Lederpolster in der 1. Klasse wechseln konnte, war so umstritten, dass ein Fernsehsender eine Karte zeigte, die den Unterschied verdeutlichte. Eine solchen Aufwand hatte nicht einmal die Wochenschau betrieben, wenn sie von einer Frontverkürzung berichtete.

          Das nachfolgende Twitter-Gewitter rund um das „Greta-Gate“ der Deutschen Bahn, wie deren Umgang mit dem prominenten Fahrgast auf der Fahrt von Basel nach Hamburg und vor allem danach getauft wurde, rief auch die Politik auf den Plan. Familienministerin Giffey erkannte, weil vom Fach, eine „Selbstinszenierung“, die „ein paar Glaubwürdigkeitspunkte“ kostete. Noch schärfer urteilte die AfD-Theaterkritikerin Weidel, die „eine erbärmliche Komödie“ gesehen haben wollte.

          Greta zur Seite sprangen dagegen Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und Renate Künast, die sich um die Privatsphäre des prominenten Fahrgastes sorgten. Auch die hauptamtliche Datenschutzbeauftragte Berlins will den Fall zum Anlass nehmen, um mit der Bahn Tacheles zu reden. Denn wo kommen wir denn hin, wenn die einfach veröffentlicht, in welchem Zug ein Foto entstanden ist, das ein Reisender veröffentlichte? Doch nicht einmal bis Kassel.

          Wie schön, mag man sich bei der Bahn denken, waren da doch die Zeiten, als man mit dem Slogan werben konnte „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ – und wie geradezu traumhaft, als Weltverbesserer noch in plombierten Waggons befördert wurden! Von Lenins Fahrt durch Deutschland, ebenfalls in der Schweiz begonnen, bekam die Öffentlichkeit so gut wie nichts mit. Allerdings ist auch nicht überliefert, dass er nach einem Zugausfall auf dem Gang hätte kauern müssen. Im Kaiserreich, sogar noch während des Ersten Weltkriegs, taugte das rollende Material der Bahn eben noch etwas.

          Andererseits wäre der Menschheit möglicherweise viel erspart geblieben, wenn auch Lenins Zug gestreikt hätte. Doch konnte das damals die Oberste Heeresleitung natürlich so wenig wissen, wie wir schon wissen können, welche Auswirkungen Greta-Gate auf den weiteren Verlauf der Weltgeschichte hat. Vielleicht wird man der Deutschen Bahn eines Tages noch dankbar sein.

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