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Entrückte Zarin und gezähmter Bär: Wandel durch Annäherung? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Rettung aus Russland

Sputnik V könnte Deutschland von der Corona-Diktatur befreien. Die wurde wohl selbst Putin unheimlich.

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          Sind Sie auch so verzweifelt wegen des Impfversagens, das die Republik an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat, wenigstens der Nerven? Dann raten wir ausnahmsweise einmal nicht zur Lektüre der „Bild“-Zeitung. Denn dann könnte der Drang übermächtig werden, sich in eine (leere) Einwegspritze mit stumpfer Kanüle zu stürzen. Das aber wäre jetzt wirklich übertrieben. Es zeigt sich endlich Licht am Ende des Tunnels. Natürlich nicht, wenn man in Richtung Brüssel blickt. Ex oriente lux! Moskau will auch uns mit seiner Impfstoff-Rakete Sputnik V helfen! Das sagenumwobene Vakzin, das der russische Präsident sogar an seiner eigenen Tochter ausprobieren ließ, soll das Virus so gnadenlos in die Defensive drängen können wie 1944 die Rote Armee die Wehrmacht.

          Man stelle sich das vor: Russland befreit mit Hilfe seiner neuesten Wunderwaffe Deutschland ein zweites Mal, ganz ohne die unschönen Nebenwirkungen von damals. Das wäre doch eine wunderbare Basis für die Wiederbelebung der arg unter die Räder gekommenen deutsch-russischen Freundschaft! Es verbindet eben nichts so sehr wie ein gemeinsamer Feind, selbst wenn er mikroskopisch klein ist. So gesehen müssen wir auch noch den Chinesen dankbar sein.

          Sagt nicht ein ungarisches Sprichwort, der wahre Freund zeige sich in der Not? Während der perfide Boris unseren Impfstoff klaut (Stop the steal!), will der großherzige Wladimir nicht nur Brot und Salz, sondern auch sein Corona-Stöffsche mit uns teilen. Wenn er es über die umstrittene Pipeline nach Deutschland pumpt (und sie in Nord Serum 2 umbenennt), ist auch noch dieses Problem entschärft.

          Dann könnten auch endlich diese vermaledeiten Sanktionen weg, die „ja nichts verbessert, aber fast alles verschlechtert“ haben, wie Matthias Platzeck, der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, im Deutschlandfunk meinte. Das hätte der offizielle Kreml-Sprecher Peskow nicht besser sagen können. Es muss für Moskau ein schwerer Verlust gewesen sein, dass Platzeck nur so kurz SPD-Vorsitzender war. Andererseits sind ehemalige SPD-Chefs, siehe Gerhard Schröder, für Moskau sogar noch nützlicher als aktive.

          Corona ist mit russischer Hilfe also bald eingekesselt. Aber was ist mit den Viren, mit denen Nawalnyj sein Land infizieren will? Die Erreger namens Libertas und Demokratia stellen zweifellos eine Gefahr für die von Putin „sorgfältig austarierte russische Gesamtbalance“ (Platzeck) dar. Das letzte Mittel, das Doktor Putin zur Bewahrung dieser Balance noch in der Kreml-Apotheke hat, ist langjährige Isolation. Die Schockbehandlung mit Nowitschok hatte ja versagt. Wenn auch nicht ganz. Schließlich konnte Nawalnyj im Vergiftungskoma seinen Meldepflichten nicht nachkommen. Und in so einem Fall kann Justitia, oder wie immer die Gerechtigkeit in Russland heißt, natürlich nicht einfach ein Auge zudrücken. Es mussten beide sein.

          Aber wer will diese juristischen Feinheiten schon beurteilen können, wenn das nach eigenem Bekunden selbst Platzeck nicht kann? Nein, so ein undurchsichtiger Einzelfall darf die Waffenbrüderschaft mit Moskau im Kampf für das Gute in der Welt und gegen Corona nicht belasten. Von Nawalnyj wird man jetzt sowieso ein paar Jahre lang nichts mehr hören. Und vielleicht gar nichts mehr, wenn sich der Geheimdienst um die Wäsche im Straflager kümmert.

          Geduld zahlt sich aus

          Wir sollten zwischenzeitlich auf das alte Rezept Brandts und Bahrs vertrauen, das auch Platzeck empfiehlt: Wandel durch Annäherung. Dafür muss man, da hat er recht, jahrzehntelange Geduld haben. Die aber zahlt sich aus: Der in den siebziger Jahren begonnene – und der deutschen Ostpolitik zu verdankende! – Wandlungsprozess in Russland hat uns am Ende unseren Retter Putin beschert.

          Zudem ist Annäherung ja nicht nur durch den Wandel auf einer Seite möglich. Wer die Debatte über die deutsche Pandemie-Politik verfolgt, könnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass auch wir langsam autoritäre Verhältnisse wie in Russland bekommen, mit einer entrückten Zarin an der Sp(r)itze. Das scheint sogar dem Kreml so unheimlich zu werden, dass er uns lieber den Impfstoff liefert, der uns von der Corona-Diktatur befreit. Merkwürdig kommt uns nur vor, dass Putin ihn sich immer noch nicht selbst spritzen ließ. Aber wir sind eben keine Russlandversteher.

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