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Mann mit Weitblick: Walter Hallstein (CDU), der frühere Präsident der Europäischen Kommission Bild: INTERFOTO

Fraktur : Gegen den Klartext

Warum mehrdeutige Politiker die menschlicheren sind.

          Horst Seehofer mag 2018 für vieles zu Unrecht als Watschenbaum oder Watschenmann hergehalten haben – an einem ist er aber wirklich schuld: dass viele Journalisten in Bayern nicht mehr wissen, wie das WM-Achtelfinale zwischen Kroatien und Dänemark ausgegangen ist. Das kam so: Während Seehofer und die erweiterte CSU-Führung Anfang Juli in einer der legendärsten Sitzungen der Parteigeschichte beisammensaßen, um über eine inzwischen vergessene Frage von elementarer Wichtigkeit zu sprechen, schauten die seit Stunden wartenden Journalisten auf ihren Laptops im Presseraum das Elfmeterschießen. Gegen 22.50 Uhr rief plötzlich einer mit Bezug auf seine vertrauliche Quelle im CSU-Sitzungsraum: „Seehofer tritt zurück!“ Kurz danach vermeldete ein anderer, sich auf seine Quelle stützend: „Seehofer hat den Rücktritt nur angedroht!“ Wieder ein anderer setzte hinzu: „Angedroht? Angeboten! In Aussicht gestellt!“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es gibt ein hübsches Buch des Arabisten Thomas Bauer, in dem er den Verlust an Mehrdeutigkeit beklagt. Obwohl die Welt naturgemäß voll von „Ambiguität“ sei, gebe es offenbar „eine moderne Disposition zur Vernichtung von Vielfalt“, zumal von Bedeutungsvielfalt. An die Stelle verschiedener gleichberechtigter Sichtweisen sei eine „Realitätshuberei“ getreten. Das Buch ist 2018 erschienen, aber der Autor konnte noch nicht gewusst haben, dass sich sogar der Meister der Mehrdeutigkeit, Seehofer, nun zusehends zurückzieht oder zurückzuziehen scheint. Trotzdem scheint der Text dem Noch-CSU-Chef auf den Leib geschrieben. So plädiert Bauer dafür, „das Widersprüchliche, das Vage, das Vieldeutige, das Nichtzuzuordnende, das Nichterklärbare als den Normalfall der menschlichen Existenz hinzunehmen, es mindestens zu achten, vielleicht sogar zu lieben“.

          Das Problem um 22.50 Uhr war für manchen Journalisten allerdings viel handfester. Welche Überschrift sollte man nun, so kurz vor Redaktionsschluss, dem Seehofer-Artikel geben? In jedem Fall eine, die auch am nächsten Tag zumindest nicht falsch sein würde. „Seehofer tritt zurück“ wäre, wie sich weisen sollte, viel zu riskant gewesen. Womöglich hätte Seehofer am nächsten Tag gesagt: „Wir müssen nicht nach Russland schauen. Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert.“ Was gegangen wäre: „Seehofer stellt Rücktritt in den Raum.“ Oder, aus heutiger Sicht: „Täuscht Rücktritt an.“ Manche schrieben dann: „Seehofer spricht von Rücktritt“, andere: „Seehofer bringt Rücktritt ins Spiel“. Letzteres schien in jedem Fall zu passen, zumindest, wenn man das Spiel Kroatien gegen Dänemark meint.

          Laut Bauer bergen die Religion und die Künste das größte Ambiguitätspotential. Walter Hallstein, einst Kommissionspräsident der EWG, hat jüngst in einem Interview, das Robert Menasse mit ihm für den „Spiegel“ führte, die Auffassung vertreten, dass die Politik der Religion und den Künsten da in nichts nachstehe. Wie recht er hat! Man betrachte nur die Debatte in der Union darüber, wer CDU und CSU in die nächste Bundestagswahl führen solle. Voll von Vieldeutigkeit! Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, ein großer Fan von Friedrich Merz, hält die Personaldebatte am Laufen, indem er sagt, er sei gegen weitere Personaldebatten.

          EU-Kommissar Günther Oettinger teilt mit, er könne sich Merz als Kanzlerkandidaten der Union vorstellen. Vorstellen kann man sich viel. Heißt das aber auch, dass er Merz als Kanzlerkandidaten will? Und was meinte Thomas Kreuzer, der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, als er hervorhob, dass es keinen „Automatismus“ zugunsten von Annegret Kramp-Karrenbauer im Hinblick auf eine Kanzlerkandidatur gebe? Etwa, dass es keinen Automatismus gebe? Aber ist das nicht eine „Binsenweisheit“, wie der Chef der CSU-Landesgruppe, Alexander Dobrindt, auf der Klausurtagung in Seeon sagte? Und wenn ja, warum wird sie dann geäußert?

          Seehofer war auch in Seeon. Er sagte dort, es werde seine letzte Landesgruppen-Klausurtagung als CSU-Vorsitzender sein. Wer Seehofer kennt, der weiß: Das kann auch bedeuten, dass es künftig eben keine Klausurtagung mehr geben, er aber sehr wohl Parteichef bleiben wird. Wie hat Hallstein in dem fabelhaften Interview mit Menasse gesagt: „Letzte Wahrheiten gibt es nicht.“ Mit Seehofers Worten: „Das ganze Leben ist eine Baustelle.“

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