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Fraktur : Zivilcourage

Float like a butterfly, sting like a bee: Cassius Marcellus Clay Jr. Bild: dpa

Spitzenpolitiker, die mehr Zivilcourage fordern, haben gut reden. Sie haben ja Leibwächter und müssen nachts nicht auf S-Bahnhöfen herumstehen.

          Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat in Reaktion auf den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce A. mehr Zivilcourage der Bürger gefordert. Der Mann hat gut reden. Er hält sich ja vorwiegend in Kreisen auf, in denen schon Ratschläge als Schläge gelten und wo man sich gegenseitig vielleicht mal auf den Schlips tritt – aber sicher nicht mit Anlauf ins Gesicht. Außerdem wird er rund um die Uhr von Leuten bewacht, die besser Judo können als Wladimir Putin.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Unsereiner hingegen muss sich auf S-Bahnhöfen, an Bushaltestellen und in U-Bahn-Waggons ständig fragen, ob es sich lohnt, für die vage Aussicht auf ein Bundesverdienstkreuz das eigene Leben oder auch nur den neuen Wintermantel aufs Spiel zu setzen. Dabei sollte sich zum Beispiel mal die Deutsche Bahn fragen, warum sich gerade der öffentliche Personennahverkehr so gut für den öffentlichen Personennahkampf zu eignen scheint. Aber man hat dort mit Bahncard und GDL offensichtlich genug zu tun.

          Wann ist die Zeit für Zivilcourage gekommen? Sicher: Wenn fünf Kerle eine Frau bedrohen, dann sollte man was machen. Aber wie sieht es aus, wenn drei Kerle drei andere Kerle anproleten? Wenn Zehnjährige rauchen? Oder wenn Halbstarke so lange gegen Laternenpfähle treten, bis die Lichter ausgehen? Muhammad Ali hat zum Thema Licht gesagt: „Ich bin so schnell, dass ich, als ich gestern Nacht im Hotelzimmer den Lichtschalter umlegte, im Bett lag, bevor das Licht aus war.“ Aber Ali war Boxer und damit schon von Berufs wegen ein Meister im Lichtausknipsen. Wir hingegen hatten im Schulsport Brennball und Bodenturnen. Das hilft nicht weiter, wenn man in einem Brennpunktviertel unter zehn rauchenden Zehnjährigen am Boden liegt. Ganz zu schweigen von Goethes „Faust“, Brechts „Mutter Courage“ oder Habermas’ Diskursethik.

          Auf andere bauen bringt nichts

          Nun raten uns Politiker, man solle es gar nicht auf einen Kampf ankommen lassen, sondern andere Leute auffordern, gleichfalls die Stimme zu erheben, oder den Notruf wählen. Das Gute heutzutage ist, dass eh jeder sein Smartphone in der Hand hat. Das Schlechte: dass man damit daddelt, Gewaltvideos dreht oder Hardcore-Pornos guckt, um mit dem Sexualkundeunterricht der eigenen Kinder Schritt zu halten. So bekommt man im Zweifel gar nicht mit, wenn die Oma, die im Bus keinen Sitzplatz mehr gefunden hat, um Hilfe ruft.

          Auf andere zu bauen bringt also nichts. Das gilt sogar für die Polizei, siehe Amerika. Aber was ist dann zu tun, wenn man zivilcouragiert sein oder wenigstens in Ruhe gelassen werden will? Eine Möglichkeit: ganz laut Musik des Rappers „Haftbefehl“ hören. Dann werden die Chabos in der S-Bahn schon wissen, wer der Babo ist. Auch gut: ein sehr großes Messer mit sich führen, damit man, wenn ein anderer ein Messer zieht, wie Crocodile Dundee sagen kann: „Das ist doch kein Messer. Das ist ein Messer!“ Wem das zu hollywoodmäßig ist, der sollte sich ein gut sichtbares Hells-Angels-Tattoo stechen lassen – und darauf hoffen, dass ihm nicht ein Bandido oder ein richtiger Hells Angel über den Weg läuft. Am besten ist daher, man sagt zu allen ADHS-Aggressoren, die sich von der Gesellschaft nicht ausreichend mitgenommen fühlen: „Ich kenne Heiko Maas, den Bundesjustizminister!“ Da hat noch jeder die Flucht ergriffen.

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