https://www.faz.net/-gpf-9x83i

Rund und glücklich: Pasta für alle! Bild: Wilhlem Busch

Fraktur : Pasta für alle!

Haben wir keine nationale Nudelreserve? Schröder hätte gewusst, was jetzt zu tun wäre.

          2 Min.

          Dieses schreckliche Erlebnis widerfuhr, wie wir hörten, in den vergangenen Tagen nicht nur uns: Man(n) geht, von der Gattin freundlich dazu ermuntert, in den örtlichen Supermarkt, um einzukaufen. Nicht gleich Atemmasken, Ganzkörperschutzanzüge und Agent Orange zur Desinfektion der Türklinken, sondern nur Nudeln, einfache Nudeln, nicht mal mit Eiern. Das ist ein solcher Routineauftrag, dass man dabei auch E-Mails lesen und über die nächste Fraktur nachdenken kann. Den Weg zu dem Regal, das wir schon fast so lange kennen wie Billy, fänden wir mit verbundenen Augen. Auch der letzte Akt ist dann ein reiner Automatismus. Die Hand greift von alleine zu – und fasst in gähnende Leere.

          Dort, wo bis zu diesem Tag die Nudel unseres Vertrauens wartete, mit der uns seit Steffi Grafs Zeiten eine kochende Leidenschaft verbindet, ist – nichts! Wirklich gar nichts, nicht einmal ein Päckchen vegane Farfalle aus Analogdinkel. Nur die alten Preisschilder erinnern wie zum Hohn noch daran, dass hier einst ein Pastaparadies lag, was wir freilich erst jetzt erkennen. Ein harter Anblick für Hartweizenfans. So sehen auch die geplünderten Supermärkte in den Filmen aus, in denen im nächsten Moment ein Zombie um die Ecke torkelt.

          Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Schuld an der Nudelnot, die in den zugegebenermaßen nicht gerade kleinen anderen Krisen dieser Tage unterging, ist schließlich ebenfalls eine Epidemie. Das Coronavirus hat – obwohl einige Reaktionen so ausfallen – die Deutschen zwar noch nicht in blutrünstige Monster verwandelt, die ihre Nachbarn beißen. Aber es machte sie doch zu Hamsterern, die auch in den nächsten 398 Jahren garantiert noch etwas zwischen den Zähnen haben wollen. Und so lange wie eine ordentliche Nudel hält sich einfach kaum ein anderes deutsches Nationalgericht.

          Ausgerechnet in diesen Zeiten der Knappheit kam es auch noch zu einem Streit zwischen einem italienischen Pastafabrikanten und einer großen deutschen Supermarktkette über die Angemessenheit einer Preiserhöhung – mit der Folge, dass auch diese Nudeln aus den Läden verschwanden, obwohl sie gar nicht radioaktiv waren. An diese schwärende Wunde im Verhältnis Italiens zu dieser Zeitung sollten wir aber besser nicht rühren.

          Haben wir denn keine nationale Nudelreserve, die in einer solchen Krise von der Kanzlerin freigegeben werden könnte? Jedenfalls für unseren Stoffwechsel ist die Nudel eindeutig systemrelevant. Schröder hätte in so einer Krise „Pasta!“ gebrüllt, und schon wäre, mit Putins Hilfe, die Nudel wieder gerollt. Sollen wir jetzt unsere Spätzle vielleicht wieder selber machen? Oder auf Reis ausweichen? (Ging nicht, war auch weg.)

          Hier zeigen sich gänzlich ungeschminkt die hässlichen Gesichtszüge der Globalisierung: Wir müssen wieder Steckrüben futtern, weil in China einer ein Tier verspeist hat, das der Schöpfer nicht für den menschlichen Verzehr gedacht und gemacht hatte. Wir wissen natürlich: Andere Länder, andere Fritten. Aber dann doch bitte wenigstens durchgaren! Wegen der globalen Folgen kommt man jetzt nicht mehr an der Empfehlung vorbei: Chinese, bleib bei deinen Linguine! Angeblich hat er sie ja erfunden, nicht der Schweizer. Und selbst Fettuccine wären noch weniger infektiös als Fledermäuse al dente.

          Unseren deutschen Landsleuten möchten wir aber auch etwas zurufen: nämlich das Hamstern den Tierchen zu überlassen, die das wirklich nötig haben, um über den Winter zu kommen. Das ist nicht nur ein Gebot der Solidarität und der Verteilungsgerechtigkeit. Wer zuhause zu viel hortet, könnte leicht für reich gehalten werden. Und was die Linkspartei mit Reichen machen will, wenn sie auch außerhalb Thüringens an die Macht kommt, dürfte hinlänglich bekannt sein, seit eine offenbar unterzuckerte Genossin den Plan ausgeplaudert hat. Hunger treibt, das wissen wir seit der Französischen Revolution, die Leute auf die Barrikaden. Nudeln aber machen rund und glücklich. Daher kann der Schlachtruf in diesen Tagen nur lauten: Pasta für alle!

          Weitere Themen

          Wehrpflicht? Nein, danke!

          Reaktionen auf Högl-Vorschlag : Wehrpflicht? Nein, danke!

          Die Wehrbeauftragte will eine Debatte über die Wiedereinsetzung. Dafür erntet sie heftige Kritik. Die Verteidigungsministerin schlägt einen Freiwilligendienst vor – ohne Högl zu erwähnen.

          Topmeldungen

          Kulissen wie diese am Grundlsee ziehen Urlauber normalerweise in Scharen nach Österreich. 280.000 Menschen leben dort direkt vom Tourismus.

          Tourismus in Österreich : Urlaub nach der „Ischgl-Lektion“

          Ferien in Österreich: Das verspricht Erholung zwischen Bergen und Seen. Doch in der Corona-Krise zeigt das Geschäftsmodell seine Risiken. Warum das Land die Gäste aus Deutschland nun so dringend braucht.
          Wer will, wer hat noch nicht? Rekruten der Bundeswehr nehmen am 20. Juli 2009 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin an einem öffentlichen Gelöbnis teil.

          Reaktionen auf Högl-Vorschlag : Wehrpflicht? Nein, danke!

          Die Wehrbeauftragte will eine Debatte über die Wiedereinsetzung. Dafür erntet sie heftige Kritik. Die Verteidigungsministerin schlägt einen Freiwilligendienst vor – ohne Högl zu erwähnen.
          Was vor 30.000 Jahren mit poliertem Gestein anfing, wurde im 19. Jahrhundert unter Strom gesetzt und erhält heute Design-Awards. Julia Ossko und Eugen Schulz setzten die Geschichte der Sexspielzeuge bildhaft in Szene.

          Die Geschichte der Sextoys : Komm, lass uns spielen

          Von Stein zu Silikon, vom Phallus zum Designobjekt – Sexspielzeuge sind (fast) so alt wie die Menschheit. Das Schmuddelimage war einmal, mittlerweile sind Dildos und andere Spielzeuge in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

          Sommer-Transfermarkt : Eine ganz klare Ansage des FC Bayern

          Mit Leroy Sané gab es einen Millionen-Einkauf. Wie geht es nun weiter beim FC Bayern auf dem Transfermarkt? Karl-Heinz Rummenigge gibt Einblicke in die Münchner Planungen – vor allem mit Blick auf Kai Havertz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.