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Wie Mephisto: gespenstisch still und leise. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Ganz wie Mephisto

Ramelow, Putin, Trump: Gespenstische Spielzüge gab es nicht nur in den Fußballarenen.

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          Wir sind zugegebenermaßen ziemlich früh dran. Aber da niemand weiß, was das Coronavirus mit uns allen noch vorhat, geben wir unseren Vorschlag für die Wahl zum Wort des Jahres sicherheitshalber schon jetzt zu Protokoll. Er lautet natürlich: Geisterspiele. Dem unbekannten Erfinder dieses Begriffs, der in dieser Zeitung zum ersten Mal am 24. September 1959 in einem Artikel über den Sowjetzonen-Sport auftauchte und dem Volksmund zugeschrieben wurde, muss man noch heute für seinen Geistesblitz danken. Denn damit lässt sich nicht nur treffend dieses fast lautlose Ballgeschiebe beschreiben, bei dem es mangels Pöbels auf den Rängen nur noch auf dem Platz zu jenen Beleidigungen und Schmähungen kommen könnte, ohne die der Fußball kein Fußball ist, wie man jetzt so oft hört. Die Spieler aber sind inzwischen als Rassisten totale Versager, das hat man ihnen erfolgreich abtrainiert. Und so schlichte Gemüter, dass sie die Hand eines Mäzens beißen, der sie mit Millionen füttert, haben nicht einmal jene Fußballer, die vergoldete Steaks essen.

          „Geisterspiele“ begeistert uns, weil dieser Terminus auch zu Vorgängen in der Politik passt, für die einem sonst die Worte fehlen würden. Wir denken da etwa an die überraschende Entscheidung des Thüringer Ministerpräsidenten Ramelow von der Linkspartei, mit seiner Stimme dem Genossen Kaufmann von der AfD zur Wahl zum Vizepräsidenten des Landtags zu verhelfen – jenes Landtags, von dem Ramelow nur dann zum Regierungschef gewählt werden wollte, wenn das ohne eine einzige Stimme von der AfD geschehen würde. Vollends gespenstisch wurde dieser Spielzug dadurch, dass die AfD die stille Wahlhilfe Ramelows widerspruchslos annahm, obwohl sie den Linken sonst verteufelt, als wäre er Satans Großvater. An der Hufeisentheorie scheint aber doch etwas dran zu sein, schon wegen des Hufs.

          Das schönste abgekartete Spiel inklusive Geisterbeschwörung fand in der vergangenen Woche noch tiefer im ehemaligen Sowjetreich statt, direkt in Moskau. Dort kam die Duma ganz spontan zu dem Schluss, dass es für alle doch das Beste sei, wenn Wladimir Putin auch nach Inkrafttreten seiner nagelneuen Verfassung Präsident bleibe. Doch kann man eine solche Zumutung natürlich nicht ohne seine Zustimmung beschließen. Also dachten wie bei einer Séance alle Abgeordneten ganz fest an ihn, und schon erschien Putin mitten unter ihnen, ganz wie Mephisto oder die bezaubernde Jeannie. Jetzt muss noch – Russland ist ein Rechtsstaat mit Gewaltenteilung – das Verfassungsgericht nicken und – Russland ist eine Demokratie – das Volk. Es bekommt dazu Gelegenheit am 22. April, dem 150. Geburtstag Lenins, der ehemals berühmtesten Mumie der Welt. Purer Zufall? Es gibt einen Roman, da wird ein Einbalsamierter noch nach Tausenden von Jahren wieder zum Leben erweckt. Der Abgeordneten Tereschkowa, die Putin beschwor, Russland nicht allein zu lassen, würden wir auch das zutrauen, aus mehreren Gründen.

          Und dann geisterte natürlich auch noch Donald Trump über den Rasen des Weißen Hauses. Den Präsidenten hat offenbar die Panik erfasst, Corona könnte ihm die Wiederwahl vermasseln. Weil eine Erhöhung der Einfuhrzölle auf das Virus, das sich einfach nicht erpressen lässt, nichts gebracht hätte, wollte Trump gleich ganz die Grenzen für den Personen- und Warenverkehr aus mit Corona versifften Gegenden schließen – bis ihm einer zuflüsterte, dass die komplette Einstellung des Imports nicht wirklich eine gute Idee sei. Blödes Spiel!

          Zum Glück fand Trump aber wieder Prügelknaben, die schuld an allem sind: Seiner Horrorgeschichte nach haben die (Kontinental-)Europäer das Coronavirus nach Amerika eingeschleppt wie damals die Konquistadoren die Syphilis. Und wer sind die besten, also schlimmsten Europäer? Natürlich wir Deutsche! Das wird uns Trump, der uns ohnehin schon auf dem Kieker hat, noch heimzahlen, wenn er doch gewinnt. Und noch scheinen die Amerikaner den Poltergeist nicht austreiben zu wollen, den sie vor vier Jahren riefen. Trumps Geisterstunde könnte also durchaus in die Verlängerung gehen, in seinem Fall aber wohl eher auf dem Golfplatz.

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