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Fraktur : Bätschi, bätschi

  • -Aktualisiert am

Union und SPD sitzen bald wieder in einer Wanne Bild: Wilhelm Busch

Die SPD badet gerne lau. Doch wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

          Früher ist die Zukunft, wie, Gott hab’ ihn selig, Tom Petty sang, weit offen gewesen. Aber auch sie ist nicht mehr, was sie einmal war. Jedenfalls nicht in der Politik. In Deutschland und Russland kann man wählen, was und wen man will: Merkel bleibt Kanzlerin, Putin lupenreiner Präsident und der jeweilige SPD-Vorsitzende ein, mit Verlaub, armes Schwein. Im Fall des Letzteren ist es wirklich erstaunlich, dass sich immer noch Freiwillige finden, die diesen Höllenjob haben wollen, wo doch das Verhältnis zwischen der Partei und ihrem Chef so gesetzmäßig abschüssig verläuft, dass im Vergleich dazu die Streif wie ein Idiotenhügel aussieht und man dem Histomat locker ein Kapitelchen anfügen könnte.

          Denn die Beziehung zwischen dem ersten und allen anderen Sozialdemokraten gliedert sich in fünf mehr oder weniger kurze Stadien, die so präzise und unbeirrbar ineinandergreifen wie die Zahnräder in August Bebels Taschenuhr: Hoffnungsträger (noch ohne formelles Abstimmungsergebnis, gefühlte Zustimmung der Genossinnen und Genossen aber bei 130 Prozent); Heilsbringer (Rückgang auf 100 Prozent); Wir-können-ihn-doch-diesmal-nicht-schon-nach-acht-Monaten-feuern (82 Prozent); Als-Außenminister-taugt-er-noch (74 Prozent); Lafontaine (62 Prozent).

          Wen wundert es da, dass Menschen, die dieses erbarmungswürdige Schicksal zu erdulden haben, darauf pochen, wenigstens irgendetwas in ihren betrübten fünfzehn Minuten müsse ergebnisoffen bleiben, und seien es hermetisch abgeschlossene Gespräche mit der Union? In jüngster Zeit hörte man daher nirgendwo so oft den Ausruf „Der hat wohl das Ergebnis offen!“ wie in der SPD, abgesehen natürlich von der Chefetage in der bayerischen Staatskanzlei. Wobei diese grenzenlose Offenheit auch nicht ganz ungefährlich ist, was in den vergangenen Jahren keinem entgangen sein kann. Ein alter Spruch sagt nicht von ungefähr: Wer für alles offen ist, ist nicht mehr ganz dicht.

          Die SPD hat sich trotzdem offen für alle denkbaren Modelle der Kollaboration mit Merkel erklärt: GroKo, KoKo, Kita. (AleDo hat freilich schon gesagt: „Eine Koko ist ein No-Go.“) Ja, weiß die Sozialdemokratie denn immer noch nicht, was sie will? Lau baden, aber dabei nicht nass werden? Offenbar wartet sie weiter auf eine Offenbarung, überbracht von einem Parteiheiligen.

          Denn natürlich ist es nicht so einfach, das eine Extrem („ab morgen gibt es in die Fresse“) mit dem anderen („Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur.“) flügel- und mundwinkelübergreifend zu verbinden. Aber doch der neuen amtierenden Hoffnungsträgerin, Andrea Nahles, sollte ein solcher Akt der Versöhnung gelingen. Wenigstens sie, dafür gibt es nun schon einige Belege, sogar gesungene, hat verstanden, dass es auch in der Politik nicht völlig anders zugeht als in einer Krabbelgruppe.

          Oder im Vatikan, wo der Papst nach zweitausend Jahren, aber rechtzeitig noch zu Weihnachten eine Diskussion über eine Zeile im Vaterunser anstieß, die damals im Konfirmandenunterricht gar nicht aufkam, weil der Pfarrer gleich sagte, so sei er eben, der Herrgott. Die ehemalige Messdienerin Nahles müsste ihn auch kennen. Wen soll das Angebot, das Vaterunser zu ändern, eigentlich in Versuchung führen? Die Protestanten reagierten darauf wie immer, nämlich störrisch. Und wozu brauchen die Katholiken überhaupt einen Koalitionspartner? Der Papst regiert doch mit der absolutesten aller absoluten Mehrheiten. Oder denkt man im Vatikan am Ende auch über eine Doppelspitze nach wie in München? Wo es doch schon zwei Päpste gibt, hier wie dort? Wer wäre dann der römische Söder?

          Fragen über Fragen, für die wir leider wieder keine Antworten haben. So stehen wir selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und das Ergebnis offen.

          Berthold Kohler: „Fraktur“
          Berthold Kohler: „Fraktur“

          Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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