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Atemraubende Parallelen: Frühe hausgemachte Schutzkleidung Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Tag der Heimarbeit

Offenbarungen im Hintergrund: Der Rückzug ins Homeoffice geht nicht immer gut aus.

          2 Min.

          Gequält von den Fragen, wie das alles nur möglich war und wo das alles noch hinführen wird, sucht mancher Bekümmerter Trost bei Erzählungen, die daran erinnern, dass alles noch schlimmer sein könnte, als es ist. Besonders gefragt sein sollen derzeit „Die Pest“ von Albert Camus, die „Nacht der lebenden Toten“ von George A. Romero und „Weil die Welt sich ändert: Politik aus Leidenschaft“ von Edmund Stoiber. Wir empfehlen zur Lektüre auch „Die Maske des Roten Todes“ von Edgar Allan Poe, und das nicht nur des passenden Titels halber. Die Geschichte macht deutlich, dass man selbst in schwersten Zeiten daheim nicht nur arbeiten, sondern auch feiern kann, bis der Tod eintritt. Das Feiern kommt uns in der Debatte über die neue Funktion des Heimes nämlich etwas zu kurz.

          Poes Prinz Prospero aber wusste noch, dass es im Ringen mit einer Pandemie nicht reicht, sich in eine Festung zurückzuziehen und die Tore zuschmieden zu lassen, auf dass keiner herein und auch keiner hinaus kann. Der kluge Prinz hielt, um dem Burgkoller vorzubeugen (heutzutage als Reihenhauskoller bekannt), einen Maskenball ab, auf dem, wie jetzt wieder, Maskenpflicht herrschte. Die Parallelen sind atemraubend. Schon die von Poe beschriebene Maskerade zeichnete sich durch „viel Übermütiges und viel Groteskes“ aus. Auch in unseren Tagen trifft man auf phantasievolle Verhüllungen, etwa jene Atemmaske, die zuvor eine Doppelripp-Unterhose mit Eingriff gewesen sein muss. Die Kostüme in Poes Erzählung können ebenfalls nur in Heimarbeit entstanden sein, denn von draußen kam ja nichts in die Burg herein (dachte Prinz Prospero und denkt auch der Leser, bis kurz vor Schluss). Insofern galt selbst schon für diesen absolutistischen Fürsten: My home is my office.

          Doch auch für ihn, Poe-Kenner wissen das, ging der totale Rückzug ins Homeoffice nicht gut aus. Beinahe wäre es sogar noch zu einem Ausbruch von häuslicher Gewalt gekommen. Wir verstehen also vollkommen, dass selbst unsere überaus vorsichtige Kanzlerin nicht länger als unbedingt nötig von zuhause aus regieren wollte. Aber eine schöne Schlagzeile wäre das schon gewesen: „Ehemalige schwäbische Hausfrau rettet Deutschland in Heimarbeit“. Unterzeile: „Küchenkabinett hält Rezept zur Eindämmung der Seuche für alternativlos“. Nett garnieren können hätte man das mit einem Video, wie Peter Altmaier in einem Topf mit hausgemachtem Leipziger Allerlei rührt.

          Risikolos sind Übertragungen aus dem Homeoffice allerdings nicht. Dort lässt sich der Hintergrund bei Video-Konferenzen und Skype-Interviews nicht so leicht kontrollieren wie im richtigen Büro. Das mussten schmerzlich ein spanischer Journalist, seine langjährige Partnerin und unzählige Zuschauer im Internet erfahren, als durch das Bild eine Dame huschte, bei der es sich nicht um besagte Partnerin handelte; auch für eine Putzfrau wäre sie ungewöhnlich luftig angezogen gewesen.

          Solche offenherzigen Offenbarungen mit schwerwiegenden Konsequenzen blieben uns Deutschen zum Glück bisher erspart. Oben ohne in einem heimischen Hintergrund erschien in unseren Breiten bisher nur der Sohn des Grünen-Chefs Habeck. Überaus dankbar sind wir auch, dass NoWaBo und SaEsKen am Tag der Heimarbeit darauf verzichteten, uns die SPD-Forderung nach einem Recht auf Homeoffice bei einem Gang durch ihre Heimatarbeitsstätten schmackhaft machen zu wollen. Mit Rigips verkleidete Dachschrägen und Mobiliar aus den Siebzigern sahen wir schon genug. Eine Ausnahme würden wir nur bei unserem alten Freund, dem Billy-Regal, machen, das auch gute Dienste als Sichtschutz für die Familie des jeweiligen Homeofficers leisten kann. Es lässt sich zudem schnell mit allem drapieren, was eine hintergründige Botschaft versenden soll, von Hayeks gesammelten Werken bis hin zu einer Nähmaschine. Interessant ist, dass noch bei keiner Sendung aus einem Heim auch nur eine einzige Klopapierrolle zu erspähen war. Wo haben die Deutschen ihr wertvollstes Gut gebunkert?

          Apropos Bunker: Zum ersten Mal sind wir froh, dass der amerikanische Präsident aus dem Homeoffice (nur) twittert. Wie es bei Trumps unterm Sofa aussieht oder gar im Keller des Trump-Towers, wo „the (sur)real Donald“ vielleicht seine Corona-Experimente macht, will man wirklich nicht wissen. Da läsen wir ja lieber noch einmal „Lebendig begraben“.

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