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Fraktur : Zum Heulen

Zum Weinen: Der Mensch ist nicht nur des Menschen Wolf. Bild: Wilhelm Busch

Warum Politiker nicht weinerlich sein wollen? Ist doch klar: Tränen lügen nicht.

          Die Geschichte des Heulens in der Politik ist ziemlich kurz. Geweint haben eigentlich nie die Weicheier, sondern fast immer nur die ganz harten Knochen: Margaret Thatcher (am 9. November 1989), Wladimir Putin (bei der ersten Runde der Sanktionen, vor Lachen) und Peer Steinbrück (aus Erleichterung, nicht Kanzler geworden zu sein). Weinen gilt irgendwie als unmajestätisch, weswegen Stoiber, als sie ihn damals in Wildbad Kreuth abholen ließen wie seinerzeit unseren König Ludwig in Neuschwanstein, noch ausrief: Don’t cry for me, Bavaria!

          Vor allem aber gilt Wasser in den Augen als verräterisch. Denn Tränen lügen ja nicht (Michael Holm). Deshalb fanden zum Beispiel die Kieler Testosterontypen in der SPD, dass Susanne Gaschke in der Politik ganz falsch sei. Vor diesem Hintergrund durfte es sich Familienministerin Schwesig jetzt natürlich nicht gefallen lassen, dass Volker Kauder sie weinerlich nannte. Wo sie doch völlig wasserabweisend ist. Sein Machospruch perlte denn auch an ihr ab wie ein Regentropfen von einer Lotusblüte. Die Grünen schwenkten dazu Taschentücher aus Altpapier, und schon konnten wieder alle im Bundestag lachen.

          Bis Kauder ans Rednerpult trat und etwas Neues zum Heulen fand: das rot-rot-grüne Bündnis in Thüringen. Es ist schuld daran, dass Frau Lieberknecht schon alle Kissen in ihrer Staatskanzlei nassgeweint hat, aus den oben genannten Gründen natürlich nur heimlich. Auch für eine solche Lage weiß der deutsche Schlager zum Glück Trost: Weine nicht, wenn der Vorhang fällt, dam dam, dam dam, es gibt einen, der zu dir hält, dam dam, dam dam. Nun weilt Drafi Deutscher leider nicht mehr unter uns, aber im Fall Lieberknecht kann ja die alte Träne Kauder an seine Stelle treten.

          Entsetzlich ist das Geschehen in Erfurt nämlich schon. Wenn Kauder erst wüsste, was der AfD-Fraktionsvorsitzende dortselbst entdeckt hat! Der bekam einen Weinkrampf, als er beim Studium des Koalitionsvertrages herausfand, dass trotz allen Bemühens der Roten, Roten und Grünen um eine gerechte Sprache der Begriff „Nazi“ an keiner Stelle in weiblicher Form vorkommt, obwohl die „Nazisse“ doch auch schon in die Gender-Literatur Eingang gefunden hat. Über dieses Totalversagen gleich am Anfang des Tals der Tränen, durch das Thüringen nun waten muss, kann uns nicht einmal die Entdeckung hinwegtrösten, dass es doch mindestens einen AfDler mit Sinn für Ironie gibt.

          Zu blöd, dass Kauder mit der AfD nichts zu schaffen haben will. Das eine oder andere könnte er von denen noch lernen. Aber er will einfach nicht heulen, nicht einmal mit den Wölfen. Dabei ist der Politiker doch auch nur ein Mensch und der Mensch des Menschen Wolf. Heide Simonis weint darüber noch heute.

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