https://www.faz.net/-gpf-7rqa3

Fraktur : Zum Fürchten

So reiten die Deutschen: Wenn wieder einmal eine Sau durchs Brandenburger Tor getrieben wird Bild: Wilhelm Busch

Wir Deutsche sind politisch so korrekt, dass es unseren Nachbarn angst und bange werden müsste.

          2 Min.

          Was waren das noch für Zeiten, als wir Deutsche Gott fürchteten, aber sonst nichts auf der Welt! Die Angst vor dem Herrn haben wir ja inzwischen weitgehend überwunden, doch jetzt fürchten wir uns vor ziemlich allem anderen: dass die Welt zu warm wird (rein meteorologisch gesehen) und sozial zu kalt, dass die Griechen an unsere Sparbücher herankommen und dass Horst Seehofer doch noch Bundeskanzler wird. Am meisten aber fürchten wir uns immer noch vor uns selbst.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Und, haben wir nicht allen Grund dazu, nach wie vor? Eine halbe Million Deutsche mit aufgepflanzten Fahnen und in Kriegsbemalung vor dem Brandenburger Tor, das war schon ziemlich furchterregend. Vor allem, weil die Menge im Siegestaumel jede Frage des „Moderators“ mit einem frenetischen „Ja!“ beantwortete. Du liebe Güte, man stelle sich nur vor, was dieser Einpeitscher angesichts des „totalen Wahnsinns“, der nach dem Endspiel ständig und überall festgestellt wurde, alles hätte fragen können! Schließlich war man ja in Berlin. Selbst noch Wowereit hatte ein Uniformhemd der Nationalmannschaft an, auch wenn es um den Bauch herum ein wenig spannte.

          Und man sieht ja, wozu solche Massenaufmärsche unsere sonst so weltmännischen Jungs verführen können. Gut, Großkreutz hat nicht ans Tor gepieselt (es gab ja auch vorher extra eine Pinkelpause bei einem nahegelegenen Sponsor). Aber was sich unsere anderen großdeutschen Spieler da geleistet haben, das war doch wieder Kroosmannssucht in Reinkultur: Veräppeln da von ihrem hohen Ross herunter die Gauchos – zum Glück ist der Held von Solferino, äh Rio dafür nicht auch noch auf die Quadriga gestiegen. Wie geschichtsvergessen ist das denn! Normalerweise hieße es jetzt im perfiden Albion: „Ausgerechnet die Hunnen wollen sich über ein Volk lustig machen, das besser reiten als gehen kann? Deutsche, bleibt bei euren Panzern!“ Diesen Rat müssen wir uns dieses Mal aber selbst geben, weil die Briten uns schlecht dafür kritisieren konnten, dass wir Argentinien geschlagen haben.

          Doch was sollte eigentlich das triumphierende „So siegen die Deutschen!“? Aus allerhöchstem deutschen Munde haben wir doch gehört: „Das war ein Nervenspiel, ich habe so gezittert und gebebt und mich gefragt: Wo ist die Mannschaft, die Brasilien 7:1 niedergemacht hat?“ Jawoll, so war es, niedergemacht! Dennoch müssen wir diesen Ausdruck natürlich empört zurückweisen, selbst wenn er aus dem Munde eines protestantischen Pfarrers stammt. Löw ist doch nicht Cortés. Und wenigstens Südamerika haben wir nie besetzt. Zum Glück hat außer uns noch niemand das Gauckgate vor dem Gauchogate bemerkt.

          In jeder Hinsicht angemessener wäre es gewesen, hätte unser Präsident in der 113. Minute ausgerufen: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Aber halt, das telegraphierte schon der preußische König Wilhelm nach der Schlacht von Sedan an seine Frau, und die Wiederverwendung eines Satzes aus der Zeit, in der wir Kriege noch gewonnen haben, würde das von uns in vielen Welt- und Europameisterschaften mühsam aufpolierte Bild von den guten deutschen Verlierern ja gänzlich ruinieren.

          Hat sich denn wirklich nie jemand gefragt, wie es uns wider Erwarten gelang, in der Welt so beliebt zu werden? Das liegt nicht allein daran, dass unsere Kicker mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen, die – BBC, aufgepasst! – übrigens schon eine Weile nicht mehr mit der Zeile begonnen wird „Deutschland, Deutschland über alles“. Nein, für unsere Popularität gibt es einen noch wichtigeren Grund: Wir haben seit der Wiedervereinigung bei Weltmeisterschaften einfach immer rechtzeitig verloren, obwohl der „Kaiser“ (schon wieder so eine versteckte Glorifizierung des preußischen Militarismus) uns auf Jahre Unbesiegbarkeit attestiert hatte.

          Wenn wir uns dieses Zusammenhangs auch bei der jüngsten WM entsonnen hätten, dann wäre uns die mittelmäßige Revue-Nummer vor dem Tore erspart geblieben – der DFB will ja nur noch öffentlich feiern, wenn es ein Land gibt, das wir öffentlich demütigen können. Unsere Fußballer hätten wieder deprimiert wie die Gauchos in den Urlaub gehen dürfen. Und wir restlichen Deutschen hätten uns weiter daran erfreuen können, was für herrlich verklemmte, humorlose und bis in die Haarspitzen hinein politisch korrekte Weltbürger wir doch sind. Also richtig zum Fürchten.

          Weitere Themen

          Putschistenführer Goita als Präsident vereidigt Video-Seite öffnen

          Mali : Putschistenführer Goita als Präsident vereidigt

          Der 38-jährige Kommandeur der Spezialeinheiten versprach, den Übergang zu demokratischen Wahlen voranzutreiben. Viele befürchten, dass der politische Umbruch die islamistischen Aufständischen im Norden Malis stärken könnte.

          Topmeldungen

          Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja und der Kommissar für Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik Olivér Várhelyi  am Montag in Luxemburg

          EU-Sanktionen gegen Belarus : „Ich hoffe, dass dieses Regime in die Knie geht“

          Die EU-Außenminister haben das bisher größte Paket von Einreise- und Vermögenssperren gegen Belarus angenommen. Noch härter sollen das Regime aber Wirtschaftssanktionen treffen. Auch da zeichnet sich eine politische Einigung ab.

          VW-Chefs im F.A.Z.-Interview : „Der Computer ist der bessere Autofahrer“

          Bis 2030 soll das erste Roboterauto von VW vom Band rollen. VW-Markenchef Ralf Brandstätter und Software-Chef Dirk Hilgenberg erklären im Interview, warum sie sicher sind, dass bald niemand mehr auf den Computer als Fahrer verzichten will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.