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Always look on the bright side of life: Als Vasall Amerikas genießt man auch Vorteile. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Das Leben des Boris

Woran die britische Abschiedsvorstellung erinnert und welche Vorteile man als Vasall Amerikas genießt.

          Woran nur erinnert uns das Schauspiel, das die Briten als Abschiedsvorstellung aufführen, damit wir Resteuropäer nicht so schnell vergessen, wie herrlich verrückt Albions Söhne und Töchter waren? An Hamlet? Heinrich VIII.? Dünkirchen? Das Suez-Desaster? Nein, an etwas Vergnügliches: an die wunderbaren Sketche und Filme, die wir der einzigartigen Komikertruppe Monty Python zu verdanken haben. Für deren Werke zahlen wir künftig auch gerne Zoll.

          Wer, der sie als Lateinschüler gesehen hat, würde nicht noch heute bei „Schwanzus Longus“ losprusten oder vergessen haben, dass „Ami go home“ auf Latein nicht „Romanes eunt domus“ heißt? Es ist also wahrlich kein Wunder, dass auch die britische Politik in diesen düsteren Zeiten Halt und Trost und Orientierung bei dieser Institution des schwärzesten britischen Humors sucht und eine Szene nach der anderen nachspielt, ganz offensichtlich in der Hoffnung, es sei alles nur Theater.

          Der Chefkomiker der britischen Politik

          Allein die Titel der Monty-Python-Filme waren so prophetisch, dass sie für die Remakes nur leicht angepasst werden müssen, im Deutschen etwa so: „Die Ritter mit Kopfschuss“, „Das Leben des Boris“, „Der Unsinn des Lebens“ und natürlich „Die wahnsinnige Welt der Schwergestörten“. Auch nachfolgende Klassiker von John Cleese ließen sich mühelos adaptieren („Fawlty Powers“ und, eingedenk des Fischereistreits, „Ein Fisch namens Theresa“).

          Eine tragende Rolle in allen Sketchen zum Brexit spielt nun selbstredend der Chefkomiker der britischen Politik, Boris Johnson, der schon als Journalist eine einmalige Witzfigur war. Wer weiß, was den Briten und uns wahren Europäern entgangen wäre, wenn Eric Idle oder Michael Palin Johnson einmal eine klitzekleine Rolle überlassen hätten und er auch hauptberuflich Schauspieler geworden wäre?

          Die Rolle des Hüters der Brücke des Todes in „Monty Python and the Holy Grail“ hätte Johnson mühelos beherrscht. Der Hüter stellt ja nur schwachsinnige Fragen und wird am Ende selbst in die Schlucht der ewigen Gefahr gerissen, weil er nicht einmal auf die einzige Gegenfrage die Antwort kennt. Weil Johnson aber auch nicht den Schwarzen Ritter ohne Arme und Beine spielen durfte, sucht er bis heute im wirklichen Leben nach der Heiligen Handgranate von Antiochia, um das grauenhafte weiße Kaninchen namens EU zur Strecke zu bringen.

          Wer kommt mit den skurrileren Einfällen um die Ecke?

          Auch dabei fordert er die Monty Pythons aber weiter in typisch englischem Wettstreit heraus, wer mit den skurrileren Einfällen und Begriffen um die Ecke kommt. Johnsons Behauptung, der Brexit-Vertrag mache Britannien zu einem Vasallenstaat der EU, ist schon sehr komisch, weswegen dieser Witz auch große Verbreitung fand. Dabei hat er einen ernsten Kern. Denn zweifellos wird Großbritannien sich mit dem Brexit derart ruinieren, dass es dereinst froh sein dürfte, der EU als Vasall zu dienen. Oder wenigstens dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der einen noch besseren Lehnsherrn abgäbe. Der hätte sogar gerade jenen Vasallenplatz frei, auf den Macron mit allem geschuldeten Respekt verzichtete, weil Frankreich doch lieber einfacher Verbündeter bleiben wolle.

          Dabei genießt man als Vasall Amerikas durchaus beachtliche Vorteile. Das zeigt gegenwärtig besonders gut Trumps Umgang mit Saudi-Arabien, der ganz der legendären Monty-Python-Empfehlung folgt: „Always look on the bright side of life!“ Man hört förmlich den Präsidenten die Melodie pfeifen, den ganzen Tag lang.

          Heißt es in dem Song nicht auch „life’s a piece of shit“? Wenn es darum geht, Amerika wieder groß zu machen, lässt man sich Multimilliarden-Geschäfte doch nicht dadurch verderben, dass die saudischen Vasallen einen Journalisten kleingesägt haben. Da lachen ja sogar noch Trumps Hühneraugen. Die bewundern wahrscheinlich sogar insgeheim Systeme, in denen kritische Stimmen ein für alle Mal zum Schweigen gebracht werden können, ohne dass ein Gericht daran herummosert.

          Trump dagegen musste sogar den Reporter von CNN wieder ins Weiße Haus lassen, der ihm mit frechen Fragen auf die Füße getreten war. Auch wenn dieser Kollege noch nie etwas über Saudi-Arabien geschrieben haben sollte, würden wir ihm dringend dazu raten, niemals ein saudisches Konsulat zu betreten. Denn den vorauseilenden Gehorsam und die ewige Dankbarkeit mancher Vasallen sollte man nicht unterschätzen. Je nach Kulturkreis können sie einschneidende Wirkung haben.

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