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Der AfD-Abgeordnete Stefan Löw im Bayerischen Landtag mit Gasmaske – Was hat er sich dabei gedacht? Bild: dpa

Fraktur : Unglaublich

Markus Söder hat gesagt, sein Platz sei in Bayern. Kommt er da nochmal raus?

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          Warum wenden Menschen sich Verschwörungstheorien zu? Bei Attila Hildmann, dem Kochbuchautor, dürfte sein Veganismus eine gewichtige Rolle spielen. Zumindest haben wir so Hubert Aiwanger verstanden. Wenn ein Bauarbeiter nur einmal in der Woche Fleisch bekomme, sagte der bayerische Wirtschaftsminister der „Bild“Zeitung, „fällt er am dritten Tag vom Gerüst runter“. Man will sich gar nicht ausmalen, was Fleischlosigkeit dann erst mit einem kräftigen jungen Mann macht, der den Namen eines Hunnenkönigs trägt. Es scheint jedenfalls plausibel, dass wer vom Fleisch fällt nicht nur vom Gerüst runter-, sondern auch vom Glauben abfallen kann.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Apropos plausibel: Es gibt etwas, was alle, die an Verschwörungstheorien glauben, verbindet: die Suche nach dem Sinn. Manches auf dieser Welt ist ja auch schwer zu verstehen. Unter der Woche trat im Bayerischen Landtag ein AfD-Abgeordneter mit einer Gasmaske ans Rednerpult, die manchen in seiner an kuriosen Neigungen reichen Partei an ihre letzte Fetischparty vor Corona erinnert haben dürfte. Viele Abgeordnete fanden den Auftritt unmöglich. Was hat sich der Mann dabei gedacht? Vielleicht, dass den Großen in der Geschichte schon oft Ablehnung widerfahren ist. Oder dass das Urteil der Zeitgenossen selten Bestand hat vor dem kritischen Blick der Nachfahren, siehe Kant, Hitler, Churchill.

          Was heißt das für die Herkunft des Virus? Cui bono?

          Oder dass Deutschland Gefahr läuft, von mundschutzmanischen Autokraten gekapert zu werden, so dass Widerstand unumgänglich ist. Wird der Mann mit der Gasmaske dereinst in einem Atemzug mit Wels, Stauffenberg, Hildmann genannt werden? Und sollte man nicht auch mal fragen, warum Markus Söder wahrscheinlich derjenige Politiker ist, der weltweit durch die Corona-Krise am meisten im Ansehen gestiegen ist, auch zu Lasten der AfD? Was heißt das für die Herkunft des Virus? Cui bono?

          Natürlich ist das lächerlich. Aber die ganze Welt ist ja voll lächerlicher Theorien, Spins, Narrative. Politiker, die bei Wahlen 15 Prozentpunkte verlieren, erzählen uns, warum sie gewonnen haben. Journalisten, die zu faul sind, längere Texte zu recherchieren, reden sich ein, sie seien Meister der kurzen Form. Der Autor dieser kurzen Form radelte jüngst mit zwei Freunden den Feldberg hinauf. Als es drei Kilometer unterhalb des Gipfels in die entscheidende Phase ging, lächelte er, obschon komplett am Anschlag, seine Gegner an wie einst Miguel Indurain. Das Tolle: Es hat funktioniert. Beim Selbstbetrug ist das umso erstaunlicher, weil man ja aus allererster Hand weiß, dass das, was man sich da einredet, zum Beispiel ein Indurain zu sein, natürlich Quatsch ist. Selbst Sigmar Gabriel wird sich in einem lichten Moment fragen, ob sein Engagement für Tönnies okay war. Aber schon kurz darauf wird er sich sagen, dass er das alles für die kleinen Leute getan hat, weil sie ja, wie oben erklärt, ohne ihr täglich Fleisch vom Gerüst fallen würden.

          Der kommende Herbst wird eine Hochzeit des Storytellings: wegen des Kanzlerkandidatenrennens in der Union. Markus Söder machte schon den Auftakt, indem er sagte, er könne sich nur einen Kanzlerkandidaten der Union vorstellen, der sich in der Corona-Krise bewähre. Armin Laschet wies, mutmaßlich für den Fall, dass ihn das selbst ausschließen könnte, darauf hin, dass er „Erfahrung im Regieren eines Landes mit 18 Millionen Einwohnern“ habe. Tatsächlich wird niemand bestreiten, dass NRW zu Normalzeiten mehr Krisenmanagement erfordert als Bayern während Corona. Das gilt schon deshalb, weil neben Laschet auch die weiteren Interessenten Röttgen und Merz zu den 18 Millionen gehören. Merz und Laschet versuchen gerade, Söder eine Glaubwürdigkeitsfalle zu stellen. Sie nehmen ihn demonstrativ beim Wort, wenn er sagt, sein Platz sei in Bayern. Ob Söder da noch mal rauskommt?

          Aber ganz locker. Nach Fukushima sagte er zur Begründung der Kehrtwende in der Atompolitik: „Fukushima ändert alles.“ Nun wird eben Corona alles geändert haben. Oder ein erster Unions-Politiker von Rang, der öffentlich äußert: „Manchmal muss man für sein Vaterland auch die eigene Glaubwürdigkeit hintanstellen.“ Glauben Sie nicht? Abwarten. Die unglaublichsten Geschichten schreibt immer noch die Realität.

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