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Fraktur : Wo sind die Biester?

Ein Überlebenskünstler: Ratte im Schlupfloch. Bild: Wilhelm Busch

Denn wo Fänger sind, muss es ja wohl auch Ratten geben.

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          Auch die Ratte hat natürlich ihren Platz im unergründlichen Plan des Herrn. Doch erlauben wir uns bei allem gebotenen Respekt den Hinweis, dass uns auch in dieser Angelegenheit wenigstens eine Variante A2 ratsam erschienen wäre. Denn beim Rest der Schöpfung, von der einen Schlange oder dem anderen Terrier abgesehen, genießt der Nager nur wenig Wertschätzung – was niemanden überraschen kann, ist mit dem Tier doch stets ein langer Schwanz von Problemen verbunden. Immer wird nur von einer Rattenplage gesprochen, nie von einem Rattensegen.

          Auch in der Politik sind Ratten daher höchst unbeliebt. Der letzte Politiker, der sie mochte, war Franz Josef Strauß. Ihm dienten sie zur Beschimpfung einer Personengruppe, die in Bayern gewöhnlich mit dem liebevollen Begriff „Gschwerl“ bedacht wird. Doch wer versteht das schon nördlich des Mains ohne Übersetzung? Da war „Ratten und Schmeißfliegen“ doch viel klarer. Nach der Welle der Empörung, die Strauß ob dieser Titulierung entgegenschlug, war die Ratte im politischen Diskurs freilich endgültig erledigt. Niemand wollte sie mehr in den Mund nehmen.

          Doch ist das Tier, das können Zoologen bestätigen, ein Überlebenskünstler. Das gilt vor allem für die Wanderratte. Sie muss irgendwo ein Schlupfloch gefunden haben, das ihr die Rückkehr nach Deutschland ermöglichte; eine solch lange Grenze lässt sich ja nicht hermetisch abriegeln. An der Rückkehr der Ratte kann es keinen Zweifel geben, denn dauernd stößt man in der politischen Diskussion auf ihren schlimmsten Feind, den Rattenfänger. Genauer gesagt, trifft man auf die Warnung vor ihm, was uns schon etwas merkwürdig vorkommt. Denn das Handwerk des Rattenfängers ist ein durch und durch ehrbares, woran auch jenes unglückliche Ereignis von Hameln nichts ändern konnte, das in Wahrheit den geizigen und vertragsbrüchigen Hamelnern anzulasten ist.

          Nun aber warnen sogar respektable Politiker und Kirchenfürsten davor, den Rattenfängern auf den Leim zu gehen, auf sie hereinzufallen, ihnen einen Platz zu lassen, ihnen hinterherzulaufen, an einem Tisch mit ihnen zu sitzen, sich in ihre Hände zu begeben, und so weiter und so fort. So sprachen die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Reiner Haseloff, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty, die Oberbürgermeister Boris Palmer und Lutz Trümper sowie natürlich die üblichen Besorgten, also Ralf Stegner, Volker Beck und Yasmin Fahimi. Aber auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sorgte sich um Schafe aus seiner Herde, „die dann Rattenfängern in die Hände fallen und fanatisiert werden“. (Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

          Gesichtet wurden die Rattenfänger regelmäßig in den Reihen der AfD oder zumindest in deren Sektor. Nun ist auch die AfD nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, ihren Kritikern Kosenamen zu geben. Der springende Punkt, das weiß doch sogar Jaculus orientalis, ist freilich ein anderer: Eine Rattenfänger-Plage kann es nur geben, wenn es Ratten gibt, sogar richtig viele, denn wer wollte sonst diesen (nochmals: zu Unrecht!) schlecht beleumundeten Beruf ergreifen, wo man doch auch Tierpfleger oder Ministerpräsidentin werden kann?

          Wo aber sind diese Heerscharen von Ratten? Die Wähler können ja unmöglich damit gemeint sein, denn das wäre eine wählerverachtende Wählerbeschimpfung übelster und unseligster Art (siehe die Ratten-und-Schmeißfliegen-Debatte), zu der demokratische Politiker doch gar nicht in der Lage sind. Außerdem wäre das ja ziemlich dumm von ihnen, besonders vor einer Wahl.

          Also, wo sind die hässlichen Biester? Wir haben schon lange keine Ratte mehr gesehen. Das jagt uns jetzt freilich einen noch beunruhigenderen Gedanken durch den Kopf: Die werden doch nicht schon das Schiff verlassen haben?

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