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Fraktur : Wissen schadet

Dumm kickt gut: Hooligans bei der Fortbildung. Bild: Imago

Warum der allgegenwärtige Ruf nach mehr Bildung von grober Unbildung zeugt.

          Es heißt ja immer, die Parteien in Deutschland unterschieden sich kaum mehr voneinander – alle das Gleiche in Grün und Grau. Tatsächlich stimmt das nur in einem Punkt: Bildung. Sie ist die Antwort aller auf alle Fragen. Wo können wir sparen? Nicht an der Bildung! Was machen wir ohne Rohstoffe? Unser Rohstoff ist Bildung! Wie begegnen wir dem demographischen Wandel? Lebenslanges Lernen! Und wie überzeugen wir Nazis und Islamisten von unseren westlichen Werten? Bildung, Bildung, Bildung!

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Dabei zeigt schon ein Blick auf die Biographien der Bösesten aller Bösen, dass der Ruf nach mehr Bildung von grober Unbildung zeugt. Selbstmordattentäter Mohammed Atta ließ sich in Hamburg zum Diplomingenieur ausbilden. Charles Taylor, liberianischer Verbrecher gegen die Menschlichkeit, hat in Boston Wirtschaftswissenschaften studiert. Kim Jong-un soll in der Schweiz zur Schule gegangen sein. Und Mussolini war sogar Lehrer.

          Jeder kann heute wissen: Bildung schadet entweder, oder sie hilft nicht weiter. Die deutsche Unternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller, so konnte man zuletzt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erfahren, hat mehr als zwanzigmal die Buddenbrooks gelesen. Warum? In der Zeit hätte sie die Buddenbrooks mindestens einmal schreiben können.

          Aber dafür hätte sie natürlich nicht wissen dürfen, dass die schon geschrieben worden sind. Bildung macht also träge. Und unwissend sowieso. Sokrates hat sein ganzes Leben lang Wissen angehäuft – um doch nur zu der Erkenntnis zu gelangen, dass er keinen blassen Schimmer hat. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, sagt der Volksmund. Das stimmt zu hundert Prozent. Es wäre allerdings verkehrt, daraus den Umkehrschluss zu ziehen: Was ich weiß, macht mich heiß. Das Gegenteil ist der Fall! Nichts törnt mehr ab als Wissen. Das hat Max Frisch ja gemeint, als er schrieb: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei.“

          Bildung ist daher nicht die Lösung des demographischen Wandels, sondern dessen Grund. Und zwar nicht nur im Bett, sondern auch im Haushalt. Dumm flickt gut – das weiß jedes Kind, und mehr muss man auch nicht wissen.

          Was tut not? Richtig: Leute, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Das Internet ist bereits voll davon, und auch auf deutschen Straßen geht es, von der Maut mal abgesehen, in die richtige Richtung. Da sind zum einen die Salafisten, deren IS-Freunde in Mossul gerade die halbe Uni dichtgemacht haben. Zum anderen die Hooligans. Die haben jüngst in Köln skandiert: „Die Leute, die ,Spiegel‘ und ,Bild‘ lesen, haben die letzten fünfzig Jahre ihre Chance gehabt.“ Salafisten und Hooligans sind sich demnach einig. Aber das können sie naturgemäß nicht wissen, deswegen bekriegen sie sich ja. Bleibt also nur, die Bildungsrepublik Deutschland von innen zu sabotieren. Unsere Studenten geben da gerade Anlass zu Hoffnung: Immerhin 29 Prozent äußerten in einer Studie, sie hielten Politik für unwichtig. Das ist der beste Wert in den vergangenen zwanzig Jahren.

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