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Fraktur : Willig

Vom Willigen über den Willfährigen bis zum Willenlosen ist der Weg weit weniger weit als derzeit zum Beispiel von Angela Merkel zu Horst Seehofer.

          Zuletzt hat der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz den Begriff „Achse der Willigen“ gebraucht – und sich völlig zu Recht Ärger wegen des Begriffs „Achse“ eingehandelt. Dieser unterscheidet sich nur durch einen Buchstaben von „Achsel“, außerdem bezeichnete er einst eine sehr unselige Allianz zwischen Deutschland und Italien – und damit ist nicht die gescheiterte Ehe der Sänger Sarah Engels und Pietro Lombardi gemeint.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Unverständlicherweise hat sich niemand an dem zweiten Begriff gestört: willig. Der ist nicht nur aus buddhistischer Perspektive so ziemlich das Letzte, was man wollen sollte. Er segelt auch unter falscher Flagge, denn vom Willigen über den Willfährigen bis zum Willenlosen ist der Weg weit weniger weit als derzeit zum Beispiel von Angela Merkel zu Horst Seehofer; man denke nur an die „willigen Helfer“ oder die „willigen Vollstrecker“. Im Übrigen hatte „willig“ schon etwas Halbseidenes, quasi Wolllustiges, als George W. Bush einst von der „Koalition der Willigen“ sprach. Von der Weltpresse unbemerkt, schimmerte damals schon das heimliche Motto manches Betriebsfests in grauer Vorzeit durch: „Wo ein Wille, da auch ein Busch“. Ins Amerikanische übersetzt bedeutet das in etwa: „Wo ein Willy, da ein Bush“ – Billy Bush, Bill „Slick Willie“ Clinton und auch Free Willy lassen an dieser Stelle grüßen.

          Es gab selige Zeiten in Deutschland, da hieß das Motto „Chillen“ oder „Grillen“ statt Willen, in den besseren Kreisen auch: Villen. Irgendwann kam dann das Zeitalter des Müssens, verbunden mit dem Wörtchen „alternativlos“. Das ist jetzt vorbei. Nach einer kurzen Interimsphase des Wohlwollens, der Willkommens- und der Will-Kommen-Kultur tritt nun mit großer Entschiedenheit der Wille in seiner Reinform auf die Weltbühne. Das kann man vor allem in Bayern beobachten, wo sich Markus Söder und Co. zugunsten von Schopenhauer und Nietzsche endgültig vom grüblerischen Erbe des großen bayerischen Philosophen Karl Valentin verabschiedet haben: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

          Die SPD will wenigstens da nicht hintanstehen. Ihre bayerische Spitzenkandidatin Natascha Kohnen verkündete jüngst auf einem Parteitag, sie gehe den Einstieg in den kostenfreien öffentlichen Personennahverkehr „mit vollem Willen“ an. In Bezug auf die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum durch den Freistaat sagte sie: „Verdammt noch mal, man muss es doch einfach nur wollen.“ Auch eine Etage höher ist der Wille zum Willen inzwischen sehr ausgeprägt. Sowohl die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles als auch Bundeskanzlerin Merkel hoben in Bezug auf den Asylstreit hervor, es gebe bei den Zurückweisungen „keinen Automatismus“, was die CSU ihrerseits damit beantwortete, es gebe keinen Automatismus, dass es keinen Automatismus gebe.

          In der politischen Sprache wimmelt es neuerdings von Willensbekundungen. Dieses ist „nicht akzeptabel“, jenes „nicht hinnehmbar“, das meiste sowieso „unerträglich“. Die Willensbekundungen verbindet, dass sie in der Regel Bekundungen des Unwillens sind und dass oft nichts aus ihnen folgt, dass doch hingenommen, akzeptiert und ertragen wird. Meistens hat das den Grund, dass zwar der Geist unwillig ist, das Fleisch jedoch schwach, nur im Fall des amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist wieder mal alles anders: das Fleisch immer willig, aber der Geist doch recht schwach.

          Damit aus den Willigen endlich auch Tätige werden – Söder würde noch im Tiefschlaf rufen: „Haltung und Handlung!“ –, hat der österreichische Innenminister Herbert Kickl beim Besuch seines etwas nach Achsenschweiß riechenden italienischen Amtskollegen Matteo Salvini eine „Allianz der Tätigen“ gefordert.

          Kickl ist von der FPÖ, einer Partei, die immer willig ist, wenn es darum geht, dem Willen mal so richtig zum Triumph zu verhelfen. Wozu das alles führt, ist noch nicht abzusehen. Ganz schlecht wäre halt, wenn am Ende etwas stehen sollte, was – mit dem Dichter Erich Fried gesprochen – dann wieder „keiner gewollt haben wollte“.

          tifr.

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