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Der kasachische Präsident Tokajew darf sich Putin auf Nachttischchenlänge nähern. Bild: AP

Fraktur : Machtdemonstration mit Möbeln

Nicht jeder wird im Kreml so auf Distanz gehalten wie Macron. Doch darf Scholz so nah bei Putin sitzen wie Tokajew?

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          Ob unser Bundeskanzler demnächst im Kreml auch an dieser halbinselgroßen Platte Platz nehmen muss? An der sah schon der französische Präsident Macron aus wie der kleine Lord Fauntleroy an der Frühstückstafel seines Großvaters, des strengen Earls von Dorincourt, dessen Rolle in Moskau Putin spielte. Dann sollte Scholz, um dem Hausherrn tief in die angeblich seelenlosen Augen schauen zu können wie weiland Biden, ein starkes Fernglas mitnehmen.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Denn an diesem Möbel sitzen die Gesprächspartner so weit voneinander entfernt, dass zwischen ihnen locker eine russische Panzerdivision auf dem Weg in die Ukraine durchrollen könnte. Aber was heißt hier Möbel: Diese Mutter aller Konferenztische in Weiß und Gold ist eine Machtdemonstration, mit der Putin zeigt, dass er den längsten hat, Tisch wie Atem.

          Da wird der Kanzler dann doch etwas lauter sprechen müssen, damit der Neumächtige am anderen Ende der Tafel versteht, was er ihm sagen will. Es geht um Krieg oder Frieden, da sollte es keine Missverständnisse geben. Die kann ja nicht einmal das glasklare Konzept der strategischen Ambiguität verhindern, das zur generellen Leitlinie der Ampelkoalition geworden zu sein scheint. Auch bei der Bekämpfung der Pandemie ist mehr Mehrdeutigkeit kaum möglich.

          Don't mention the pipeline!

          Hier wie dort, da haben unsere Politiker schon recht, muss jetzt einfach alles auf den Tisch! Der im Kreml ist groß genug dafür und auch noch in anderer Hinsicht symbolträchtig. Die mächtigen Säulen, auf denen er steht, haben sicher nicht zufällig den Durchmesser der Rohre der umstrittenen Gaspipeline Nord . . . Au Backe, jetzt hätten wir beinahe den Namen genannt, der nicht genannt werden darf! Der Kanzler mied ihn in Washington wie die Zauberergemeinde in Hogwarts das Wort Voldemort. Irgendwer muss Scholz vor dem Treffen mit Biden eindringlich geraten haben: What ever you do – don’t mention the pipeline! Das kann eigentlich nur unsere neue Staatssekretärin gewesen sein.

          Die Mutter aller Konferenztische: Putin mit Besucher Macron
          Die Mutter aller Konferenztische: Putin mit Besucher Macron : Bild: AP

          Aber was macht der Kanzler, wenn Putin ihn nach, Sie wissen schon, fragt, ganz im Vertrauen? Darauf bauen, dass niemand außer dem anwesenden KGB-Mann zuhört, kann Scholz nicht. Das Blumengesteck im weiten Niemandsland der Tafel ist bestimmt verwanzt bis zum letzten Blütenblatt.

          Warum ließ Putin nicht den Tisch aus Jalta holen?

          Dass Putin auch immer gleich so übertreiben muss, beim Mobiliar wie beim Mobilmachen! Er hat, wie der Wein vom Schwarzen Meer für Macron zeigte, doch einen Sinn für subtile Botschaften. Warum ließ er nicht auch noch den bewährten Tisch aus Jalta holen, über den Stalin bei der damaligen Aufteilung Europas die Westalliierten gezogen hatte? Nein, Putin muss aller Welt beweisen, dass ihm das sogar noch bei einer sechs Meter langen Platte gelingt.

          Selbst die sieht freilich nur nach Ikea aus im Vergleich mit dem wirklich großen Tisch in der Großen Halle des Volkes, an den der große chinesische Präsident Xi Jinping zum großen Staatsbankett lud. Dort konnte die illustre Gästeschar auf eine olympische Modelllandschaft schauen, deren Dimensionen ausgereicht hätten, um ganz Taiwan samt Invasionsrouten nachzubilden.

          Berlin könnte Playmobil-Helme beisteuern

          Wäre das nicht auch eine Idee für den doch ziemlich kahlen Tisch im Kreml? Als Zeichen des guten Willens könnte Putin auf seiner Platte die Ukraine nachbauen lassen, diese Schönheit, die sich fügen muss, ob sie will oder nicht, wie er ganz volkstümlich meinte. Berlin könnte dann eine Handvoll Playmobil-Helme beisteuern, um unserer historischen Verantwortung für originalgetreue Nachbauten gerecht zu werden.

          Paris ist jetzt so um Deeskalation bemüht, dass es das Placement des Kremls nicht als Provokation bewerten mag: Die Distanz sei nur Putins Angst vor Corona geschuldet gewesen. Macron wollte sich nämlich partout nicht von einem russischen Arzt testen lassen. Das musste den Russen, die sich bestens in biologischer Kriegführung auskennen, natürlich verdächtig vorkommen. Der kasachische Präsident Tokajew dagegen zierte sich nicht so bei der Abgabe einer DNA-Probe; man kennt sich ja auch schon lange. Dieser geschätzte Besucher durfte Putin auf Nachttischchenlänge nahe kommen. Wir sind jetzt wirklich sehr gespannt, wo unser Kanzler sitzen wird.

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