https://www.faz.net/-gpf-8b87c

Fraktur : Why Mutti matters

Außerdem, muss ich bemerken, ist noch eine Base da, hübsch gestaltet, kluggelehrig, nämlich die Angelika. Bild: Wilhelm Busch

Warum wenigstens die Amerikaner zu würdigen wissen, welchen Fang wir mit Merkel gemacht haben.

          Es gibt einen Spruch in der Bibel, der könnte der Pfarrerstochter Angela Merkel in diesen Tagen des öfteren durch den Kopf gehen. Er findet sich im 13. Kapitel des Evangeliums nach Markus: „Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgend weniger denn in seinem Vaterland und in seinem Hause.“ So muss sich auch die Kanzlerin vorkommen, wenn sie den Undank in der CDU, in der CSU und jetzt sogar in der SPD mit den Huldigungen aus dem Ausland vergleicht. Während ihre Popularitätswerte in Deutschland fallen, flicht man ihr jedenfalls in der angelsächsischen Welt einen Ehrenkranz nach dem anderen.

          Nachdem der britische „Economist“ Merkel vor vier Wochen zur „unverzichtbaren Europäerin“ („Why Mutti matters“) erklärt hatte, kürte sie das amerikanische „Time“-Magazin nun sogar zur „Person des Jahres“. Das Blatt begründete dies damit, dass Merkel ihrem Land mehr abverlange, als es die meisten Politiker wagen würden, dass sie sich der Tyrannei und dem Opportunismus entgegenstemme und dass sie für eine standhafte moralische Führung stehe, die in der Welt sehr selten sei.

          Das sage noch einmal einer, nur die Kanzlerin kenne keine Obergrenze. „Kanzlerin der freien Welt“ – so wurde ja nicht einmal Helmut Schmidt gelobt. Auch Merkels Entdecker Helmut Kohl brachte es nur zum Kanzler der Einheit und zum Ehrenbürger Europas, das aber erst nach 16 Jahren.

          Sind wir Deutsche denn derart erblindet, dass wir nicht mehr erkennen können, welchen Fang wir mit Merkel machten? Schon ihrethalben müssten wir doch den Soli noch hundert Jahre lang gerne zahlen. Denn solche Ausnahmeerscheinungen schneien nicht einfach so herein. Man könne nicht oft, so begründeten die Kollegen von „Time“ weiter ihre Wahl, einem Anführer bei dem Prozess zusehen, „eine alte und quälende nationale Identität abzulegen“. Stimmt haargenau! Wie sehr haben wir uns damit abgequält. Jetzt endlich regiert uns jemand, der uns und der Welt zeigt, „wie Deutschlands große Stärke zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden könnte“. Könnte – ganz sicher scheinen sie sich auf der anderen Seite des Atlantiks bei der Beurteilung unseres Nationalcharakters noch nicht zu sein.

          Dennoch muss diese hohe Ehre doch alle Neider beschämen, die meinen, Merkel hätte hierzulande allenfalls Chancen bei der Wahl zur „Persona non grata des Jahres“. Wenigstens unsere amerikanischen Vettern scheinen gottfroh zu sein, dass sie in Europa eine kluggelehrige Base haben, die noch weiß, was sie tut. Von Merkels schärfstem Konkurrenten um den Titel, dem Kalifen des „Islamischen Staates“, kann man das schließlich ebenso wenig sagen wie von Donald Trump, der den dritten Platz belegte. Danach folgten unter anderen der iranische Präsident und eine transsexuelle Olympiasiegerin mit einem schönen Haus in Malibu.

          Trump war extrem sauer, dass er schon in dieser Vorwahl eine Niederlage gegen die Demokratin und Hillary-Freundin Merkel einstecken musste: „Sie haben die Person gewählt, die Deutschland ruiniert.“ Auch für die Anerkennung solcher Leistungen gibt es bei dieser renommierten Auszeichnung eine Traditionslinie. Man denke nur an das Jahr 1938, als die Person des Jahres noch ein Mann war: Adolf Hitler. Stalin, der dann auch noch den Rest von Deutschland ruinierte, jedenfalls im Osten, wurde sogar zweimal gewählt.

          Damit dürfte auch klar sein, was der Skandal des Jahres ist: Wladimir Putin wurde bisher nur einmal zum Titelhelden. Wieder so eine Ostküsten-Verschwörung, um die russische Regionalmacht zu provozieren! Da kann man nur hoffen, dass der Kreml kühlen Kopf bewahrt und selbst ein Magazin herausgibt, das jedes Jahr den Zaren des Jahres kürt. Oder den Propheten des Jahres, es würde ja auch in diesem Fall immer Putin werden. Der könnte sich dann auch noch damit rühmen, dass er nicht nur getürkte Behauptungen Erdogans widerlegt habe, sondern sogar die Bibel.

          Weitere Themen

          Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus Video-Seite öffnen

          Künftige Justizministerin : Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus

          Der „unfassbare Mord“ an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zeige, dass die Verteidigung des Rechtsstaates aktueller denn je sei, sagte die SPD-Politikerin Christine Lambrecht, die von der Parteiführung als kommende Justizministerin vorgestellt wurde.

          Der Kampf gegen die Braunkohle Video-Seite öffnen

          Aktivisten von „Ende Gelände“ : Der Kampf gegen die Braunkohle

          Im rheinischen Braunkohlerevier stehen die Zeichen dieser Tage auf Protest. Aktivisten der Initiative „Ende Gelände“ haben zu verschiedenen Protestaktionen aufgerufen. Nun hat sich auch die Schülerbewegung „Fridays for Future“ mit „Ende Gelände“ solidarisiert.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel ist beim Besuch der Kaiserpfalz umringt von „Fridays-for-Future“-Teilnehmern.

          CDU nach Rezo-Video : Merkel verteilt an AKK keine guten Noten

          Die Bundeskanzlerin hat in Goslar mit Schülern über den Klimawandel diskutiert und ist dabei auch auf den Umgang ihrer Partei mit dem Video des Youtubers Rezo eingegangen. Ihrer Nachfolgerin bescheinigte sie dabei keine gute Figur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.