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Fraktur : Wer im Glashaus sitzt

Im Hinterzimmer: Macron, Orbán, Tusk, Salvini. Merkel ist mal wieder nicht im Bilde. Bild: Wilhelm Busch

Eine Verteidigung des Hinterzimmers.

          Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in dieser Woche in Brüssel einigen übel mitgespielt wurde, die das nicht verdienten: den sogenannten Spitzenkandidaten, manchen Regierungschefinnen und auch Ursula von der Leyen, die zum höchsten Amt der EU kam wie die Jungfrau zum Kinde. Sie hätte bestimmt lieber weiter an der „Gorch Fock“ herumgeschraubt, dem Projekt mit den vielen Nieten. Die Früchte dieser langjährigen Arbeit darf nun ihr(e) Nachfolger(in) ernten. Dennoch scheint der Posten nicht wesentlich begehrter zu sein als der Vorsitz in der SPD. Die Euro-Uschi aber, wie sie von nun an wohl von ihren Parteifreunden genannt werden wird, musste in Brüssel Hohn und Spott über sich ergehen lassen, kaum dass die Staats- und Regierungschefs sie zur Gallionsfigur der „MS Europa“ gemacht hatten, die auch schon recht tief im Wasser liegt. Insbesondere die deutschen Sozialdemokraten fielen über von der Leyen her wie zuvor Macron über Weber. Letzterer ist wirklich der tragischste Held in dieser Geschichte. Wie soll es den Siegfried der CSU, der vom französischen Hagen und von Gunther von Budapest rücklings erdolcht worden ist wie 1918 unser im Felde unbesiegtes Heer, trösten, dass die Schnellmerker von der SPD jetzt, da sein Blut vergossen ist, erkannten, er sei doch ein respektabler Kandidat gewesen?

          Noch schlimmer als das Frauenzimmer aus dem Bendlerblock wurde freilich ein Raum attackiert, der sich selbst gar nicht verteidigen konnte: das Hinterzimmer. Es kann sich über den spektakulären Sieg, den ihm sogar der bayerische Ministerpräsident Söder bescheinigte, leider gar nicht freuen. Denn parteiübergreifend und auch in weiten Teilen der Publizistik wird dem Hinterzimmer unterstellt, es habe ihn nur durch Kungelei, Mauschelei, Kuhhandel, Geschacher et cetera errungen.

          Was, bitte, wäre denn die Alternative? Wie stünde es um Deutschland, wenn wir Entscheidungen von solch existentieller Bedeutung weiter nur in großen Sälen wie dem Berliner Sportpalast getroffen hätten? Im Zeitalter des Cocooning soll es falsch sein, dass Politiker die Geborgenheit des Hinterzimmers suchen, wenn es um die wichtigste aller Fragen geht, also wer was wird? Politik, das wusste schon Lenin, dreht sich immer nur um das „Wer wen“. Und natürlich auch um das „Wer mit wem“. Dafür wird das Hinterzimmer auch weiter gebraucht, in der Diktatur wie in der Demokratie.

          Wo sonst sollten jetzt etwa die Paare zueinander finden, die aufgerufen wurden, sich um den Doppelvorsitz der SPD zu bewerben? Im Hotel? Ein Speed-Dating zur Vorauswahl könnte auch unter den traurigen Augen Willy Brandts im Foyer der Parteizentrale abgehalten werden. Aber wie wollte ein williges Duo in diesem Circus Maximus mit seinen blutrünstigen Zuschauern auf den Rängen herausfinden, ob es sich gegenseitig blind vertraut – was Bedingung für die Doppelkandidatur sein soll, obwohl die sehr schwer zu erfüllen sein wird, weil beide Kandidaten ja auch Mitglieder der SPD sein müssen?

          Jeder, der auch nur einmal einem Kaninchenzüchterverein angehörte, weiß, dass es ohne das Hinterzimmer nicht geht. Schon die alten Griechen hätten die Entscheidung, wer den Preis für den schönsten Angorahasen bekommt, nie und nimmer vor aller Augen auf der Agora getroffen. Nur im Hinterzimmer kann man sich vertrauensvoll mit den Hintergründen beschäftigen, die immer berücksichtigt werden müssen, man denke nur an die Migration. Zudem wäre doch keiner, der nach Höherem in der Politik strebt, heißt er Kevin Kühnert oder Jens Spahn, schon mit einem Platz im Vorzimmer der Macht zufrieden.

          Leider lässt sich nicht bestreiten, dass auch dunkle Gestalten die Vorzüge des Hinterzimmers zu schätzen lernten. Nun aber entdeckte der nordrhein-westfälische Innenminister Reul, dass der Rechtsextremismus nicht mehr in verrauchten Hinterzimmern von Gaststätten stattfindet, sondern in den Chatrooms der sozialen Medien (obwohl auch dort nicht mehr geraucht werden darf – so viel zur angeblichen Freiheit im Netz). Die wahren Demokraten könnten und sollten also schnellstens wieder die leerstehenden Nebenräume in den Wirtshäusern übernehmen, bevor sie Opfer einer Luxussanierung werden und die Verleumder des Hinterzimmers einziehen, die lieber in lichtdurchfluteten Lofts kungeln, mauscheln und schachern. Gerade diese Herrschaften sollten freilich den Rat des alten deutschen Sprichworts beherzigen, der lautet: Wer im Glashaus sitzt ...

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