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Rapport im Kreml: Beim nächsten Mal genügt ein Schemel Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Wenn Schröder zum Rapport kommt

Im Kreml auf dem Schemel: Unterwürfigkeit wird von Putin fürstlich belohnt.

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          Es gibt Zusammenkünfte in der Politik, da wäre man gerne dabei gewesen, wenigstens als Mäuschen. Zum Beispiel als Donald Trump unsere Kanzlerin „bezauberte“, wie ein ranghoher amerikanischer Augenzeuge berichtete. Oder als Trump und Kim Jong-un sich ineinander „verliebten“, wie der Präsident selbst sagte. Brennend interessieren würde uns auch, wie es zugeht, wenn unser früherer Kanzler Schröder seinem Chef im Kreml die neuesten Absatzzahlen im Gasgeschäft vorträgt. Reden die Herren dann darüber, wie hoch Schröders Bonus ausfällt? Machen sie Witze über Merkel? Man wüsste es wirklich gerne, weiß es aber nicht. In Moskau wird streng auf den Datenschutz für Arbeitnehmer geachtet. Russland ist schließlich ein lupenreiner Rechtsstaat.

          Das jüngste Treffen zwischen Putin und Lukaschenka, über das ausführlich im russischen Fernsehen berichtet wurde, verschaffte den Zuschauern aber wenigstens eine Vorstellung, wie es sein könnte, wenn Schröder zum Rapport kommt. Putin saß so breitbeinig da, wie es sein XXL–Sessel maximal zuließ. Beim nächsten Besuch sollte das Protokoll vielleicht lieber wieder einen Diwan aufstellen, der bietet Beinfreiheit bis zum Spagat. Für Lukaschenka aber würde ein Schemel genügen. Der belarussische Diktator rutschte fast aus dem Fauteuil bei dem Bemühen, jeden Befehl von den Lippen des großen, großzügigen und weisen Bruders abzulesen und auf dem mitgebrachten Stenoblock zu notieren.

          Solche Unterwürfigkeit wird von Putin fürstlich belohnt, schon bei einem Rentner wie Schröder. Lukaschenka, der noch im Amt ist, konnte sogar einen Kredit über 1,5 Milliarden Dollar mit nach Hause nehmen. Dem Kreml tut das nicht weh: Nord Stream 1 pumpt – Schröder sei Dank – schließlich zuverlässig Gas nach Deutschland und Geld zurück nach Russland. Und Lukaschenka kann mit der deutsch-russischen Knete ein paar Monate lang die Demonstranten niederknüppeln lassen. Über den Zinssatz wurde zwar nichts bekannt. Die Höhe dürfte Lukaschenka freilich egal sein, folgt doch nun auch er der Devise „whatever it takes“. Dass es genug sein wird, wollen wir aber immer noch nicht glauben.

          Doch mangelnde Transparenz kann man den Herrschern im Osten nicht vorwerfen. Hierzulande aber müssen wir weiter rätseln, nach welcher Begegnung Seehofer zum heiligen Horst der Flüchtlinge geworden ist. Und wie mutierte in der Flüchtlingsfrage Söder vom Saulus zum Paulus, also quasi zum Pöder? Ist Merkel vielleicht in der zauberhaften Begegnung mit Trump zu einer Magierin geworden, die mit einem Kopfnicken Löwen in Lämmer verwandeln kann? Bezaubernde Angie?

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          Dann wäre ihre Zauberkraft allerdings auf die CSU beschränkt. In der EU will sich niemand dem deutschen Alleingang in Sachen Humanität anschließen, nicht einmal Athen. Freilich dürften unsere europäischen Partner auch nichts dagegen haben, wenn wir die Migranten von Moria auf Kreuzfahrtschiffen unterbringen, wie von der Grünen-Vorsitzenden Baerbock vorgeschlagen und auch von Friedrich Merz nicht abgelehnt. Bevor eine Neiddiskussion ausbricht: Diese Plattenbauten zur See, die momentan ohnehin leerstehen, sind alles andere als das reine Vergnügen. Und sollen wir auf unseren Traumschiffen vielleicht Raketen stationieren, wie die Chinesen es auf ihren alten Reiskähnen tun, die zu nichts anderem mehr taugen?

          Bevor wir uns das überlegen, müssen wir aber erst einmal die Sache mit unserem neuen Sturmgewehr klären. Das soll nun nicht mehr von einem Nachfahren Napoleons gebaut werden, sondern von einem Scheich aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Immerhin wird es dann wohl besser für den Wüstenkrieg geeignet sein als das G36, das wir seiner Temperaturempfindlichkeit halber den Kurden im Irak überlassen mussten. In dieser gemäßigten Klimazone hat es ähnlich gut funktioniert wie unsere Milan-Rakete. Einige Peschmerga-Krieger sollen von diesem Geschoss so begeistert gewesen sein, dass sie ihre Söhne nach ihm benannten. Das G36 hätte das auch verdient. Aber wer will bereits seinen Erstgeborenen „G36“ rufen? Doch nicht einmal Lukaschenka. Der würde bei der Namenswahl wohl eher an die Kalaschnikow denken, mit der er herumläuft. Und natürlich an Wladimir.

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