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Fraktur : Weniger Lametta war nie

Klirrende Wahrheit: Früher war mehr Lametta Bild: Marie Blum/Masterfile

Warum man den Wählern nicht so viel vom Weihnachtsmann hätte erzählen sollen.

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          Die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“, das Zentralorgan des vergangenen faktischen Zeitalters, widmet sich in seiner Dezemberausgabe einer naheliegenden Frage: Ist es psychisch gesund, Kindern die Geschichte vom Weihnachtsmann zu erzählen? Es ist, könnte man den Aufsatz zusammenfassen, nicht unproblematisch, denn: „Wenn Eltern in der Lage sind, über etwas so Spezielles und Magisches zu lügen – wie lässt sich ihnen dann auf Dauer vertrauen, als Wächter von Weisheit und Wahrheit?“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Donald Trump wird sich diese Frage auch gestellt haben, bevor er den Amerikanern Vollbeschäftigung in Detroit versprach. Und auch Boris Johnson dürfte an seine Zukunft als Wächter von Weisheit und Wahrheit gedacht haben, bevor er die Briten in die glorreiche Zukunft ohne europäische Fesseln führte. Lügen, auch „wundervolle Lügen“ (so der Titel der „Lancet“-Untersuchung) haben ihren Preis, aber vielleicht auch manchmal ihre Berechtigung. Hätte Helmut Kohl 1989 nicht blühende Landschaften im Osten versprochen, wären die DDR-Bürger womöglich nie dem System beigetreten, das sie erst mit der Treuhand beschenkte, dann mit dem Bankenkollaps und zuletzt mit Hunderttausenden neuer Mitbürger.

          Nur Lügner behaupten, sie hätten noch nie gelogen, und nur Unmenschen setzen immer und prinzipiell auf die Wahrheit. Es sei „wohl netter“, halten die Wissenschaftler in „Lancet“ einfühlsam fest, wenn Kinder mit der Aussicht getröstet würden, ihr gerade verstorbenes Haustier lande im Tierhimmel, „als sie mit den drastischen Fakten des Wiedereintritts in den Kohlenstoffkreislauf vertraut zu machen“.

          Natürlich sind Wähler keine Kinder. Sie verhalten sich nur so. Nicht nur Trump- und Brexit-Versteher deuten den Trotz, mit dem die Wähler die Eliten in den Wahnsinn treiben, als Ausdruck enttäuschter Hoffnungen. Versprochen war, dass Globalisierung, Euro und Migration den Wohlstand für alle mehren. Aber unterm Christbaum liegen Outsourcing, Arbeitslosigkeit und kulturelle Entfremdung. Man hätte den Wählern einfach weniger vom Weihnachtsmann erzählen sollen und mehr vom Pferd, auf dem Trump und seine Freunde jetzt in den Kleidern Robin Hoods den Wald der Eliten plündern.

          In Wahrheit will die Wahrheit niemand hören, und es will sie auch niemand sagen, außer, natürlich, Angela Merkel, die sich jetzt mit ihrer vierten Kandidatur nicht nur dem Kohlenstoffkreislauf der Politik entgegenstemmt, sondern auch ein lobenswertes Gegenprogramm zum Populismus ankündigt. Kein Mensch alleine, nicht mal die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, könne die Dinge mehr oder weniger zum Guten wenden, sagte sie in ihrer Bewerbung. Weniger Lametta war nie! Das war von so kühlem Realismus, so viel klirrender Wahrheit, dass Theresa May die Lederhose am Bein festfror. Wenn Angela Merkel wirklich zur letzten Leuchttürmin der Freien Welt geworden ist, dann geht ein eher fahler Schein von ihr aus – vermutlich aber gerade hell genug, um die Deutschen ein weiteres Mal hinterm Weihnachtsbaum hervorzulocken.

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