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Fraktur : Weiterleben

Mürrisch, nicht indifferent: Milliardärs-Ex-Gattin auf Yacht Bild: action press

Politiker sagen nach Anschlägen gern, die Bürger sollten weiterleben wie bisher. Doch was heißt das?

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          Der „Islamische Staat“ (IS) tendiert inzwischen ja dazu, sich zu jedem Fahrraddiebstahl und jeder Stinkbombe zu bekennen, um zu zeigen, wie viele Anhänger er hat. Die Folge dieser vom Bundeskriminalamt so bezeichneten „Regenmacherstrategie“: Politiker müssen ständig Stellung beziehen. Zwei verwirrend unterschiedliche Methoden haben sich dabei herauskristallisiert. Die eine besteht im Beschwören der Ausnahmelage. Politiker sagen dann, sie seien erschüttert, fassungslos, ja: bestürzt. Sie brechen ihre Urlaube zum Teil schon auf dem Hinflug ab, lassen Staatsbesuche sausen und gucken in die Kameras wie Horst Seehofer, wenn er über Angela Merkel spricht. Vor allem aber behaupten sie, wir befänden uns im „Krieg“. Dem französischen Präsidenten François Hollande geht das schon sehr routiniert über die Lippen. Unsere Bundeskanzlerin zeigte am Donnerstag, dass sie hier zwar noch Luft nach oben hat, aber immerhin zu Zugeständnissen bereit ist: „Ich glaube, dass wir in einem Kampf oder meinetwegen auch in einem Krieg gegen den IS sind.“

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Eine zweite Antwort auf den Terrorismus besteht paradoxerweise in der Beschwörung des Normalzustands. Politiker, die gerade noch behauptet haben, dass nach dem Anschlag xy nichts mehr sei wie zuvor, verlangen dann, die Bürger sollten doch bitte schön genauso weiterleben wie bisher. Da haben es die Leute gut, die schon seit längerem Menschenansammlungen meiden, keine S-Bahn mehr fahren und sich im Darknet mit ausreichend Selbstverteidigungsutensilien eingedeckt haben. Die können ihr Leben tatsächlich problemlos weiterleben. Aber wie sollen all die anderen, die zum Beispiel gerne ins Freibad gehen oder sich gerne in Gesellschaft volllaufen lassen, auf den Terror reagieren?

          Erste Hinweise zur Beantwortung dieser Frage hat nach dem Anschlag von Nizza der Politikwissenschaftler Herfried Münkler geliefert. Als Strategie gegen den Terror empfahl er nicht Krieg, sondern „Vergleichgültigung“ und „mürrische Indifferenz“. Eine der Ersten, die sich daran orientierten, war eine von der „Bild“-Zeitung so genannte „russische Ex-Milliardärs-Gattin“, die während des Anschlags auf einer Yacht vor der südfranzösischen Küste schipperte. Über die sozialen Medien beklagte sie sich danach bitterlich, dass ihr Trip durch den Terror ruiniert worden sei. Sogleich brach im Internet ein Exkrementensturm über sie herein. Das zeigt, dass viele Menschen den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen haben.

          Besser war da schon die Reaktion auf den Amoklauf von München. Die Toten waren noch kaum gezählt, da gab es im Internet schon eine Fanseite für den adretten Sprecher der Münchner Polizei. Das nennt man weiterleben wie bisher! Hat nur noch gefehlt, dass sich die Leute Sorgen um Mario Gómez machten: Der hatte nämlich am Tag des Amoklaufs in München geheiratet und musste deswegen die für den Abend geplante Party auf den nächsten Tag verschieben. Da kann man nur hoffen, dass die Laune des jungen Glücks nicht allzu sehr leiden musste. Sonst hätte der Terror gewonnen.

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