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Die Ostukraine eine zweite Schweiz? Schröder und Putin müssen sich gebogen haben vor Lachen. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Kalauer aus dem Kreml

Wie müssen Schröder und Putin gewiehert haben! Aber auch in Deutschland gibt es Scheindebatten. Die Ukraine hat Mitleid mit uns.

          2 Min.

          So langsam versteht man, warum Schröder immer noch nicht von Putin lassen kann, obwohl der ja ein strenger Abstinenzler sein soll. Ganz offensichtlich verbindet die Herren aber ein sehr ähnlicher Humor. Wie müssen sie gewiehert haben, als Schröder Putin fragte, ob er den Witz mit der Kantonslösung für den Donbass auch in Deutschland erzählen dürfe. Eine zweite Schweiz in der Ostukraine als Kompromiss zur Beendigung des Krieges! Einen besseren Gag hätte sich auch Emil Steinberger nicht ausdenken können.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Dagegen fiel Schröders Scherz, es sei auch nicht Moskaus Schuld, dass die berühmte Gasturbine immer noch in Deutschland herumliege, ziemlich ab; das ist ja ein alter Kreml-Kalauer. Außerdem hat bei diesem Thema der amtierende Bundeskanzler seinem Vorvorgänger und Nochparteifreund mit dem Ausflug zu Siemens glatt die Schau gestohlen.Ein spektakuläres Bild sagt eben mehr als tausend Propagandaworte. Und das war ja fast ein Gemälde: Olaf „You never walk ­alone“ Scholz alleine vor der mächtigen Maschine – da sah man sofort, wer der Hamlet der deutschen Politik ist: Turbine or not Turbine, that is the question!

          Merz und Söder hätten im Kühlwasser baden sollen

          Merz und Söder – man könnte sie inzwischen auch Herz und Seele nennen – mussten sich danach ziemlich anstrengen, um beim Kampf um die Aufmerksamkeit der nach Heizlüftern jagenden Deutschen mithalten zu können. Weniger als das Tätscheln eines Atomreaktors hätte keinen Bürger hinter dem im Baumarkt erbeuteten Kanonenofen hervorgelockt. Eingedenk der legendären Politiker, die (angeblich) radioaktives Molkepulver gegessen oder gar den Rhein durchschwommen hatten, hätten die Unionsvorsitzenden vielleicht auch noch ein Bad im Kühlwasser nehmen sollen, um zu demonstrieren, wie unproblematisch die friedliche Nutzung der Kernkraft ist. Aber auch schon in den weißen Anzügen und gelben Gummischuhen sahen Merz und Söder wie Engel aus, die uns der Himmel im Kampf gegen die Cancel Culture geschickt hat, jedenfalls auf dem Feld der Laufzeitverlängerung.

          Den Grünen eins reinwürgen

          Etwas mehr Substanz täte der Diskussion darüber wirklich gut, denn Regierung und Opposition sind sich im Streit über die Atomkraft nur in einem einig: dass es sich um eine Scheindebatte handele. Göring-Eckardt begründete diesen Vorwurf mit der Beobachtung, dass es den Oppositionellen (wohl einschließlich der FDP) ja nur darum gehe, „den Grünen eins reinzuwürgen“.

          Von einer Scheindebatte spricht aber auch die CSU, wenn sie beschuldigt wird, die Energiewende verschlafen, mehr als Merkel an Putin geglaubt und sich auch noch ein Gefälligkeitsgutachten vom TÜV besorgt zu haben. Uns ist Letzteres noch nie gelungen (Ruhe sanft auf dem Autofriedhof, lieber Schlumpf!), weswegen wir den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung in die Schröder-Klasse einstufen würden, also unter zehn Prozent.

          Nicht zu verwechseln ist die Scheindebatte über die Restlaufzeiten der Kraftwerke mit der „Phantomdebatte“ über die Verlängerung der Arbeitnehmerrestlaufzeit bis zur Rente (erst mit siebzig), aus der Arbeitsminister Heil gleich die Luft rausließ. Diesen „unsozialen Bullshit“ – ausnahmsweise hat er einmal recht, der Bartsch – wollte nicht einmal die FDP aufgreifen; die Leute haben gegenwärtig genug andere Sorgen.

          Das Handspiel in Wembley schrie zum Himmel

          Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sich die Empörung über den abermaligen Betrug in Wembley in Grenzen hielt. Das Handspiel der englischen Kapitänin direkt vor unserem Tor schrie doch zum Himmel; es hätte allenfalls beim Volleyball als regelkonform gelten können. Doch nach dem zweitschwärzesten Tag der deutschen Fußballgeschichte gelang es nicht einmal der Bild-Zeitung, die Deutschen auf die Barrikaden zu treiben. Dabei wäre die Diskussion über den gestohlenen Elfmeter alles andere als eine Scheindebatte gewesen.

          Aber die Schiedsrichterin stammte aus der Ukraine, und da sollten wir wohl jetzt wirklich nicht kleinlich sein. Selenskyj will uns schließlich im Winter Strom liefern, wenn wir im Dunkeln und Kalten sitzen. Selbst in der Ukraine hat man mit uns deutschen Energieidioten also inzwischen Mitleid. Das ist kein schlechter Witz aus Moskau, sondern die bittere Wahrheit.

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