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Fraktur : Warum Merkel „eigentlich“ die Wahrheit sagt

Eigentlich merkwürdig: Fragt sich denn niemand, wieso diese Schoko-Teile alle gleich aussehen? Bild: dpa

Eigentlich müsste alles viel besser sein, sagt die Kanzlerin. Finden wir auch. Und lassen uns jetzt ebenfalls nur noch für die schonungslose Wahrheit feiern.

          Eigentlich hätten wir nie gedacht, dass wir über ein so kleines Wörtchen einmal einen Text schreiben würden, aber jetzt, da selbst die Kanzlerin auf den Trichter gekommen ist, dass eigentlich alles viel besser sein müsste, wenn es halt nicht doch ganz anders wäre, müssen ein paar grundlegende Dinge gesagt werden.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Eigentlich, so sagte Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Essen und wiederholte das Wort gefühlt gleich ein Dutzend Mal, weil es die eigene Wirkungsmacht und mithin die politische Fallhöhe so trefflich relativiert, eigentlich müssten alle EU-Staaten gemeinsam an einer Lösung der Flüchtlingskrise arbeiten, was uneigentlich aber bekanntlich nicht klappt, weil das Wohle der anderen, das in diesem Fall auch das eigene ist, selbst vielen aufgeklärten Europäern eigentlich herzlich egal ist.

          Auch die Regulierung der Finanzmärkte, die „eigentlich“ schon viel weiter sein müsste (Merkel), wollen dummerweise viele nicht, weshalb selbst der mächtigsten Frau der Welt, so kann man ihre Rede verstehen, die Hände gebunden sind, Schulterzucken, Raute, Pech gehabt. Ich kann nicht anders, aber immerhin stehe ich noch hier: Das ist die Welt nicht mehr als Wille, sondern nur noch als (Wunsch-)Vorstellung, um mal Schopenhauer zu bemühen.

          Schonungslos die Wahrheit sagen

          Vielleicht ist das alles aber auch viel zu kritisch und wir tun der hilfsbedürftigen Kanzlerin („Ihr müsst mir helfen!“) mal wieder unrecht. Dem Wortsinn nach bedeutet „eigentlich“ schließlich so viel wie „in Wahrheit“ – Merkel hat die Dinge also lediglich so benannt, wie sie tatsächlich sind. Und auch wenn man in unseren Fake-News-Zeiten von Tatsachen ja schon lange nicht mehr sprechen kann, wenn manche selbst den Schoko-Weihnachtsmann von Oma für eine Verschwörung des Establishments halten (diese Schoko-Teile sehen doch wirklich verdächtig gleich aus!), wollen wir dem Beispiel folgen und die Begrenztheit der Dinge künftig schonungslos beim Namen nennen.

          Also: Unserer Frau werden wir noch am Heiligabend ins Gesicht sagen, dass wir eigentlich mal wieder keine Ahnung hatten, was zur Hölle wir ihr schenken sollten, aber trotzdem unser Möglichstes versucht haben, woraufhin sie minutenlang applaudieren und uns danach mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigen wird. Ja, unter dem Baume wird Ehrlichkeit geschätzt wie sonst eigentlich nur noch bei den Christlichen Demokraten.

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