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Nicht gemacht für die Politik:empfindsam und ehrlich Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Ehrlich gesagt

… wissen auch wir nicht genau, warum jetzt (fast) alle Politiker ehrlich sein wollen. Aber wir haben einen Verdacht.

          Vermutlich werden nur noch ältere Semester etwas mit dem Namen Adolf Tegtmeier anfangen können. Für die jüngeren: Der hatte trotz seines Vornamens nichts mit Hitler zu tun, sondern war so etwas wie der Horst Schlämmer des späten 20. Jahrhunderts, nur begabter. Immer wenn er „sachte, wie’t is“, fingen seine Sätze mit „also ährlich“ an. Dann wusste man, dass messerscharfe Analysen des von ihm in aller Welt Beobachteten folgen, die in dieser Klarheit und Wahrheit nirgendwo sonst geboten wurden.

          Wie schade, dass wir die Wiederholung von „Tegtmeiers Reisen“ verpasst haben. Auf irgendeinem Sender müssen sie im Nachtprogramm gelaufen sein, wahrscheinlich auf dem Bundestagsbildungskanal. Anders lässt sich kaum erklären, dass neuerdings die Äußerungen verschiedenster Politiker nur so überquellen vor Ehrlichkeit. Tegtmeier war immer schon ein Trendsetter.

          Die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer etwa forderte diese Woche, man müsse den Bürgern „in aller Ehrlichkeit ganz deutlich“ sagen, dass es keinen Klimaschutz gebe, von dem niemand irgendwie betroffen sei. Die Diskussion müsse „sehr offen und ehrlich“ geführt werden. Das ist in der Tat zwingend notwendig, denn sonst glauben die Bürger noch, die Windräder und Hochspannungsleitungen würden nur zur Verschönerung der Landschaft ins Gelände gestellt, und die steigenden Strompreise seien zum Beispiel dem Bienensterben geschuldet, nicht aber dem Abschalten der Atomkraftwerke. Apropos Bienenvölkermord: Sind Ihnen schon einmal die Berge von geschredderten Bienen am Fuße der Windräder aufgefallen (die dann meistens ganz schnell vom ökologisch-industriellen Komplex beseitigt werden)? Alles im Leben hat eben zwei Seiten oder sogar drei Rotorblätter. So viel Ehrlichkeit muss sein!

          Auch der bienenfleißige Fraktionschef der Unionsparteien im Bundestag, Ralph Brinkhaus, will sich nun endlich „ehrlich machen“, sogar ausdrücklich zusammen mit dem Koalitionspartner. Diese parteiübergreifende Ehrlichkeit soll sich zwar noch nicht auf alle Dispute zwischen Union und SPD erstrecken (was ja ohnehin keiner aushielte), sondern erst einmal nur auf die Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. Die SPD will in dieser Angelegenheit jedoch weiter unehrlich bleiben, was auch gut zur Kundschaft passt, man denke nur an die ersten Erklärungen Riads zum Fall Khashoggi, wonach dieser das saudische Konsulat im Ganzen verlassen habe.

          Ehrlich währt aber auch in der Politik immer noch am längsten. Da sollten die Sozis sich ein Beispiel an Robert Habeck nehmen. Seit der Grünen-Vorsitzende feststellte, dass Twitter nicht helfe, „ehrlich zu sprechen“, scheint sein Aufstieg zum ehrlichen Mäkler der deutschen Politik und ersten Kanzler nach zwei Kanzlerinnen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Habeck hat sich dermaßen bei den Deutschen eingeschleimt, dass die ihn ausweislich der jüngsten Messungen des Politbarometers für den wichtigsten deutschen Politiker halten. Den wichtigsten! So weit ist es mit Deutschland gekommen. Joseph Fischer muss sich im Bade umdrehen.

          Doch wer weiß, wie ehrlich diese Umfragen überhaupt sind? Katarina Barley etwa kommt in den Top Ten gar nicht vor, obwohl sie nach eigener Auskunft „empfindsam“ und „sehr ehrlich“ ist – so sehr ehrlich, dass sie gedacht habe, von ihrem „Charakter her nicht gemacht“ zu sein für die Politik.

          O je, das hätte sie nicht sagen sollen, nicht einmal versteckt im „Zeit Magazin“! Jetzt wird es doch wieder heißen: Die Ehrliche ist die Dumme. Denn mit ihrem Outing macht die Noch-Justizministerin sich zur Kronzeugin aller, die behaupten, Politiker würden allenfalls dann nicht lügen, wenn sie Sätze begännen mit „ehrlich gesagt“ oder „um ehrlich zu sein“. Und so oft ist das trotz der Ehrlichkeitsinflation in der politischen Rhetorik nun doch noch nicht der Fall. AfD-Politiker zum Beispiel lassen sich eher mit faulen Parteispenden ertappen als beim Gebrauch dieser Floskeln. Entweder sind sie dafür zu ehrlich oder zu verlogen.

          Was aber will uns Donald Trump sagen, wenn er hin und wieder einen Satz beginnt mit „to be honest“? Dass selbst er zwischendurch einmal ehrlich sein will, weil immer nur lügen auch keinen Spaß macht? Also ährlich, wir wissen es nicht. Nie haben uns Tegtmeiers Erklärungen so gefehlt wie heute.

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