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Kompetenz auf dem Land: Doch dieser Strick war nicht gemeint. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Das Lied zum Lastenrad

Die Grünen singen, Scholz fährt Mähdrescher, Söder zieht an einem Strang: Die fünfte Jahreszeit der Demokratie hat begonnen!

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          Das vermaledeite Virus scheint uns auch noch diesen Herbst und Winter ruinieren zu wollen. Und damit abermals auch Fasching und Karneval, worunter wieder viele leiden werden. Wann sonst kann man sich, abgesehen vom Komasaufen auf Malle und dem Oktoberfest – Letzteres ebenfalls ein Opfer der Pandemie –, mal so richtig gehen lassen? Wann offen zeigen, was man lieber geworden wäre als das, was man dann halt geworden ist? Auch beim Schlüpfen in andere Identitäten ist inzwischen zwar nicht mehr alles erlaubt. Aber, mal ehrlich: CEO einer indigenen Stammesgesellschaft zu sein, oder wie man das jetzt nennen muss, ist nicht zwingend ein Traumjob. Da sind wir Karl May ganz schön auf den Leim gegangen.

          Söder wäre bestimmt als Merkel gegangen

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Einer allerdings nicht: der bayerische Ministerpräsident. Der erschien in der Faschingshochburg Veitshöchheim schon in allen möglichen Heldenrollen: als Gandhi, Gandalf, Prinzregent, Stoiber. Aber, und auch da zeigte sich bereits sein Riecher für Gestalten, mit denen man nichts gewinnt, nie als Indianerhäuptling. Dieses Jahr wäre er bestimmt als Angela Merkel gegangen. Und das nicht nur, weil er schon als Marilyn Monroe eine Wucht war. Sondern weil Söders Kostümierungen immer auch Botschaften sind. Der Volksmund hat schon recht: Kinder und Narren sagen die Wahrheit, auch über sich selbst.

          Das tun die Narren gerade wieder, jetzt, da die fünfte Jahreszeit der Demokratie, der Wahlkampf, ihrem Rosenmontag zustrebt. Auch in dieser närrischen Zeit geben die Politiker sich alle Mühe, uns mit lustigen Auftritten zu erfreuen, von denen sie sonst die Pflichterfüllung abhält. Ganz oft fahren sie dazu aufs Land, um dort zwischen Kühen und Säuen Kompetenz auch auf Feldern zu beweisen, die man ihnen nicht zugetraut hatte.

          Etwas anderes dreschen als Phrasen

          Olaf Scholz stieg dazu sogar auf die Mutter aller Mähdrescher. Man sah dem Kanzlerkandidaten der SPD regelrecht an, dass es ein lang gehegter Traum gewesen sein muss, etwas anderes dreschen zu dürfen als Phrasen. Wobei ja auch Scholzens kometenhafter Aufstieg in den Umfragen beweist, dass es die Popularität eines Politikers ungemein fördert, möglichst nur Nichtssagendes zu äußern.

          Daran hätten auch die Grünen festhalten sollen, die doch ganz gut gefahren waren mit ihrer Taktik, auf keinen Fall im Wahlkampf etwas zu verkünden oder gar zu tun, das die Bürger irgendwie erschrecken könnte. Dafür ist, wenn sie in der Regierung sind, schließlich noch genug Zeit.

          Doch was hat sie dann geritten, uns schon jetzt mit dem Lastenrad zu überfahren? Uns bringt allein der Gedanke ins Schwitzen. Soll es in unseren Innenstädten in Zukunft vielleicht zugehen wie in Peking vor fünfzig Jahren? Aber ehrliche Häute sind die Grünen schon. Wie, wenn nicht mit dem Drahtmuli, sollen die Besserverdienenden unter den Grünen-Wählern künftig ihre Kinder in die Gemeinschaftsschule bringen? Den SUV müssen sie ja verkaufen, um die Vermögensteuer zu bezahlen.

          Zur Beruhigung der Gemüter haben Annalena und Robert uns eine Neufassung von „Kein schöner Land“ geschenkt, die wir fröhlich singen können, wenn wir (weitgehend) emissionslos in die Pedale treten. Zugegeben, die Nummer hört sich ein wenig so an, als sei sie für einen evangelischen Kirchentag geschrieben worden oder als Hintergrundmusik für eine Selbsthilfegruppe von Altachtundsechzigern mit Arthrose.

          Ob die Grünen an den Haschischkeksen genascht haben?

          Ob die Produzenten an den Haschischkeksen genascht haben, die Lidl nun zurückrufen muss? Die Grünen singen da schließlich ein Volkslied! Da ist sogar die AfD sprachlos. Im Osten (und in Neu-Isenburg) wird sich mancher auch an das Liedgut der SED erinnert fühlen („Die Partei hat immer recht“, „Jetzt bist du in der LPG“, „Nun sieh mal an, was aus uns geworden ist“).

          Doch von Baerbock und Habeck in Veitshöchheim vorgetragen, wäre der Song unter Garantie zum Brüller geworden. Der Saal hätte getobt wie damals, als die Altneihauser Feierwehrkapell’n Macrons Ehefrau ein Ständchen brachte. Platz eins auf der Hitliste der Faschingsohrwürmer hätte den Grünen nur einer streitig machen können: Markus Söder mit einem Medley seiner Unterstützungsschwüre für „den Armin“. Den Karl-Valentin-Orden hätte der CSU-Chef schon allein für die mit todernster Miene vorgetragene Zeile verdient: „Alle müssen jetzt an einem Strang ziehen.“ Das ironiefeste Publikum in Veitshöchheim hätte sofort gewusst, welcher Strick gemeint ist.

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