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Fraktur : Vorsätze

Guter Vorsatz, guter Witz: Ab jetzt nur noch eine Schweinshaxe mit Knödel und Rotkraut samt Weißbier. Bild: Iris Kuerschner/Laif

Hauen Sie rein, so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

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          Auf das größte Glück folgt mitunter der tiefste Schmerz – selten ist das so wahr wie „zwischen den Jahren“, wenn die stille Besinnlichkeit und das große Völlegefühl bald einer noch größeren Ernüchterung weichen. Man blickt auf das vergangene Jahr zurück und sieht, dass man zwar vieles geschaffen hat, dass aber nur leider zu wenig davon gut war. Aber genug jetzt von der SPD. Das neue Jahr soll schließlich heiter beginnen und nicht gleich wieder so depressiv.

          Oliver Georgi
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Reden wir lieber von den guten Vorsätzen, dem größten Selbstbetrug, zu dem die Deutschen fähig sind – abgesehen vielleicht von der Rettung des Weltklimas, wettbewerbsfähigen deutschen Elektroautos und einem Verhältnis auf Augenhöhe zum amerikanischen Präsidenten. Doch auch die besten Vorsätze können ja binnen Wochen zu schlimmstem Selbstzweifel führen, wenn man sich schon bei der ersten Betriebsfeier Mitte Januar wieder flaschenweise das Pils in den Hals gießt, obwohl man beim Bleigießen an Silvester noch felsenfest davon überzeugt war, dass es jetzt aber endlich aus ist mit dem Alkohol. Wie soll man diesen Widerspruch zwischen Wollen und Können, dieses Scheitern in Permanenz nur aushalten, wenn man nicht gerade Donald Trump heißt?

          Nicht nur in seinem Fall könnte der Blick auf die Politik Linderung verschaffen. Dort ist die zügige Amnesie in Bezug auf gute Vorsätze bekanntlich kein Malheur, das zu nachhaltiger Selbstzüchtigung führt, sondern eher eine liebgewonnene Tradition, an der festzuhalten lohnt, solange die Wähler vergesslich genug sind. Trump etwa hatte den festen Vorsatz, endlich diesen vermaledeiten Nahost-Konflikt zu lösen. Bis er beim morgendlichen Binge Watching auf Fox News zum ersten Mal von einer seltsamen Stadt namens Jerusalem hörte und sie so „great, believe me“ fand, dass er sie unbedingt gleich zur Hauptstadt Israels erklären musste und dem Nahost-Konflikt wieder so richtig Zunder gab.

          Auch Angela Merkel hatte nach der Bundestagswahl sicher den unbedingten Vorsatz, jetzt aber wirklich schonungslos die Gründe für das schlechte Abschneiden der Union zu analysieren. Was kann denn die Kanzlerin dafür, dass sich danach wegen des schlechten Wetters, der angespannten Lage in Nordkorea und der plötzlichen Sanftmut des nicht minder waidwunden CSU-Vorsitzenden leider doch keine Gelegenheit für eine Aussprache ergeben hat?

          Merkel wäre aber nicht Merkel, würde sie das lange grämen. Auch das hat sie mit Martin Schulz gemein, dessen Bewerbung als Vizekanzler in einer großen Koalition beim Fernsehduell in den guten Vorsatz am Wahlabend mündete, nie wieder ein solches Bündnis einzugehen. Aber kann man Schulz jetzt wirklich böse sein, nur weil Christian Lindner diesen Vorsatz zunichtegemacht hat? Wenn sich jemand den Preis für den skrupellosesten Umgang mit guten Vorsätzen verdient hat, dann der FDP-Vorsitzende. Seine Dialektik, Jamaika erst kleinzureden, dann scheinbar zu wollen, dann, als nicht mehr viel fehlte, wieder abgrundtief abzulehnen, es hernach plötzlich wieder für denkbar zu halten (ohne Merkel) und trotzdem noch verzückt in den Spiegel blicken zu können, fällt in die Kategorie „vorsätzlicher Vorsatzbruch“. Künftig sollte dafür einmal im Jahr ein neuer Ehren-„Bambi“ verliehen werden.

          Gute Vorsätze sind eben nicht mehr als ein flüchtiger Hauch über den Wipfeln. Hören Sie also endlich mit dem Rauchen auf, lassen Sie das Trinken sein, sagen Sie endlich mal nein, machen Sie, jetzt aber wirklich, den lange fällige Check-up beim Arzt, werfen Sie Sahnetorten und fette Braten auf den Biomüll! Und wenn es tags drauf beim Wirt um die Ecke wieder Eisbein mit Weißbier gibt: Hauen Sie rein, so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

          Auch wir haben übrigens nur die besten Vorsätze gefasst und wollen 2018 Folgendes nicht mehr thematisieren: Lindners Frisur, die Rechtschreib-Kompetenz von Beatrix von Storch, die Selbstachtung der SPD, Doppelnamen bei den Grünen, das Frauenbild des amerikanischen Präsidenten und die Sache mit Andrea Nahles und der Fresse. Aber Sie wissen ja, wie das mit guten Vorsätzen ist.

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