https://www.faz.net/-gpf-9kwdx

Fraktur : Out of the box

Schneller als Nico Rosberg (links): Andreas Scheuer Bild: dpa

Ein Mann wie ein Mustang – so seriös, dass man ihm jederzeit einen Gebrauchtwagen verkaufen würde: Was die Engländer von unserem Verkehrsminister lernen können.

          Es wird ja oft angeprangert, dass im Journalismus nicht mehr klar zwischen Nachricht und Kommentar unterschieden werde. Womöglich zu Recht. In jüngster Zeit ist freilich das Hauptproblem, dass auch die Grenzen zwischen Glosse und Nachrichtentext immer mehr verschwimmen. Das allerdings liegt nicht am Journalismus, sondern an den Themen. Besonders erheiternd: der Diesel.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Lange hatte er ein ausgezeichnetes Image. Man konnte unter seinem Namen sogar völlig überteuerte T-Shirts und Pullover an Pubertierende verkaufen, als diese freitags noch zum Shoppen statt zum Demonstrieren gegangen sind. Auch bei den Dieselautos hatte der Käufer den Eindruck, das Richtige zu tun, diesmal nicht fürs Image, aber für den Geldbeutel und fürs Klima. So einfach war das früher, und heute ist es echt so ätzend.

          Wie oft musste sich Bundesverkehrsminister Andi Scheuer wegen des Diesels von der Journalistin Marietta Slomka schwach von der Seite anlabern lassen? Wie viele Stunden saß er mit den Auto-Bossen bei irgendwelchen Diesel-Gipfeln, auf denen man, obwohl schon nach fünf Minuten alles gesagt war, weil man ja eh einer Meinung ist, dennoch stundenlang blieb, um den Leuten draußen den Eindruck zu vermitteln, dass man sich für die Interessen der Diesel-Fahrer und natürlich für die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland zerreißt?

          Warum, so fragten sich viele, lässt sich die CSU immer wieder das Verkehrsministerium aufbürden? Klar, wegen der vielen schönen Straßen, die man dann in Bayern bauen und an die man jeweils eine Logistikhalle plus Spielcasino hinstellen kann. Auch klar war: Wenn es einer packt, dann Scheuer, ein Mann wie ein Mustang, ein Minister wie ein Muscle Car, so seriös, dass man ihm jederzeit einen Gebrauchtwagen verkaufen würde. Aber diesmal war die Lage schon extrem verfahren, buchstäblich.

          Und trotzdem: Scheuer hat zusammen mit seiner Partei das Unmögliche möglich gemacht.

          Sein Erfolgsgeheimnis: Er ist über den eigenen Schatten gesprungen. Obwohl durch seine Adern, wie sein Vorvorvorgänger Peter Ramsauer über ihn in der „Zeit“ sagte, „Superbenzin“ fließt, hat er sich mit dem Diesel abgegeben. Ganz wichtig auch: Er war bereit, unkonventionell zu sein, auch mal andere Meinungen ernst zu nehmen wie die der berühmten hundert Lungenärzte, die sich zwar in einem Detail verrechnet haben, die ja aber auch keine Mathematiker sind. Im Übrigen lernt man aus Fehlern immer am meisten.

          Vor allem aber ist Scheuer auch diesmal seinem inneren Kompass, der ihn seit jeher leitet, gefolgt: dem gesunden Menschenverstand. Mag sein, dass es Mut erfordert, auf scheinbar Abseitiges wie Flugtaxis zu setzen – das tut Scheuer sowieso. Noch mutiger ist es aber, sich zu trauen, das Nächstliegende zu denken. Und das Nächstliegende beim Diesel war: Wenn die Messwerte dort, wo man misst, zu hoch sind, dann misst man eben woanders. Und wenn sie dann immer noch zu hoch sind, dann stellt man eben die „Logik der Grenzwerte“ in Frage. Und wenn das immer noch nicht reicht, dann könnt ihr uns sowieso mal kreuzweise.

          Kann England davon lernen? Unbedingt. Einst war das Vereinigte Königreich dafür bekannt, Empire und Empirie kongenial zusammenzubringen. Das unkonventionelle Denken, out of the box, wie der Engländer sagt, wurde dort erfunden, es findet sich heute aber nur noch in der englischen Küche wieder. Typisch englisch waren auch mal der Pragmatismus und der gesunde Menschenverstand, nicht umsonst common sense genannt. Heute dagegen rennen die Engländer immer wieder gegen dieselbe Wand. Wie sagte der Labour-Abgeordnete Chris Bryant am Donnerstag im Unterhaus: „Es nimmt einfach kein Ende. Alle zwei Wochen finden wir uns hier in diesem Karussell wieder, halten genau dieselben Reden, während jeder auf seinem eigenen Pferdchen sitzt, und es tut uns allen nicht gut, gesundheitlich und emotional, und der Nation auch nicht.“

          Doch wer befreit die Engländer aus diesem masochistischen Wahnsinn? Ramsauer hat uns da auf eine Idee gebracht. Er sagte, er habe Scheuer, als dieser noch sein Staatssekretär war, alle Tricks gezeigt, ihm vor allem auch gesagt, dass er gescheit Englisch lernen solle.

          Das könnte jetzt für die Engländer und damit für ganz Europa die Rettung sein.

          Weitere Themen

          Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

          Soli : Das ändert sich für Steuerzahler

          Seit 1991 tragen die deutschen Steuerzahler mit dem Solidaritätszuschlag maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei. Nach drei Jahrzehnten soll Schluss sein. Bundesfinanzminister Olaf Scholz will den Soli ab 2021 für die allermeisten Steuerzahler streichen.

          Topmeldungen

          Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

          Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

          Luxusbauten in New York : Ästhetische Abschottung

          Ein Penthouse für 239 Millionen Dollar: Die Wohlhabendsten schauen von immer größeren Höhen auf das Stadtvolk hinab. New York baut jetzt superdünn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.