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Fraktur : Der Kuss des Todes

Merkelismus-Leninismus: Vertrauen ist gut, Verabschiedung ist besser Bild: Wilhelm Busch

Warum sich ein Minister schnell einen Schuhkarton suchen sollte, wenn ihm die Kanzlerin ihr Vertrauen ausspricht.

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          Die Frage ist natürlich berechtigt: Wer soll uns jetzt, da der große Weltenerklärer nicht mehr ist, die Welt erklären? Ab sofort werden wir, mit rauchenden Köpfen, noch rat- und hilfloser vor den Mysterien der Politik stehen. Zum Beispiel vor dem Rätsel, dass fast jeder Minister gehen musste, dem die Bundeskanzlerin kurz zuvor ihr Vertrauen ausgesprochen hatte. Wenn das geschieht – wie zuletzt im Falle Thomas de Maizières –, dann heißt das für den jeweiligen Vertrauten der Kanzlerin: Alarmstufe rot! Dann muss der Betroffene eigentlich sofort nach einem Schuhkarton suchen, in den er seine Thermosflasche, die Bismarck–Figur und das Foto vom Hund packen kann. Denn viel Zeit zum Aufräumen des Büros bleibt dann in der Regel nicht mehr. Das Vertrauen der Kanzlerin ist ein Geschenk, das selbst die Danaer wie Amateure aussehen lässt.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Das halten Sie für eine weitere hemmungslose Übertreibung der Lügenpresse? Dann schauen Sie mal in unser Archiv, das uns abermals in Lichtgeschwindigkeit die Beweise dafür lieferte. Angela Merkel hat als Kanzlerin noch nie die Vertrauensfrage gestellt, aber schon sehr oft beantwortet, mit eindeutiger Wirkung. In den meisten Fällen folgte dem Aussprechen des V-Worts das ziemlich jähe Ende einer vielversprechenden Karriere, die zwar auch danach noch steil verlief, aber eben nicht mehr nach oben. So erlebten es so unterschiedliche Merkel-Vertraute wie Karl-Theodor zu Guttenberg („volles Vertrauen“), Christian Wulff („vollstes Vertrauen“, das ihm schon dienstgradmäßig zustand) und Annette Schavan (zunächst nur „volles Vertrauen“, dann, als es brenzliger wurde, auch die Präsidentenstufe, also „vollstes“).

          Das Superlativvertrauen mit Schwertern und Brillanten wurde auch Hans-Peter Friedrich zuteil, der sich nach seiner Opferung dennoch als undankbar erwies und ins Lager der Merkel-Misstrauer wechselte. Zu Franz Josef Jung bestand Merkels Vertrauen dagegen nur „unverändert“ (gut, schlecht?), was ihn freilich auch nicht rettete. Nicht umsonst lautet einer der Leitsätze des Merkelismus-Leninismus: Vertrauen ist gut, Verabschiedung ist besser.

          Die Vertrauensbeweise der Kanzlerin überstanden haben bisher nur die Überlebenskünstler Ursula von der Leyen („ungebrochen“) und Thomas de Maizière („selbstverständlich“). Doch was ist mit „selbstverständlich“ gemeint? Dass jetzt das Selbstverständliche folgt, also das in diesen Fällen Übliche? Michael Glos brachte sich daher schon in Sicherheit, bevor die Kanzlerin ihre V-Waffe auch nur auftanken konnte. Und noch ein anderer entkam dem süßen Gift des Todeskusses: der ehemalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Das lag daran, dass ihm die Kanzlerin ihr Vertrauen erst postum aussprach, als er also schon von sich aus das Weite gesucht und Zuflucht im Vorstand der Deutschen Bahn gefunden hatte. Dort kann er sich jetzt endlich total sicher fühlen, denn anders als in der Politik vertraut in den Führungsgremien der Wirtschaft keiner dem anderen, nicht einmal öffentlich.

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